Sunday, 29. July 2012
Gerhard Sibbing

Besuch im Tendokan von Gerhard Sibbing

Gerhard Sibbing besuchte das Tendokan zum ersten Mal.

Debut im Tendokan

Eine Dienstreise kann durchaus ihre positiven Seiten haben. So brachte eine Konzerttournee unseren Dojoleiter Eckhardt und mich als Mitglieder des NDR Sinfonieorchesters nach Japan. Dies war eine wunderbare Gelegenheit, nach Abschluss einer erfolgreichen Reihe von Konzerten noch einige Tage in Tokio anzuhängen, um im Hauptdojo des Tendoryu-Aikido bei unserem Meister Shimizu Sensei zu trainieren. Während das Orchester also seinen Heimweg antrat, zogen wir aus dem schicken Hotel aus und bezogen das kleine Appartement des Tendokan, das speziell für Besucher des Dojos vermietet wird. Günstiger wird man in Tokio kaum wohnen können, dafür lernt man aber auch gleich eine Lektion über die Enge in einer Megacity. Auf ca. 8 m² , incl. Bad und Kochflur, wohnten wir an einer der meistbefahrenen Straßen Tokios. Zur Belohnung ist das Dojo nur 6 Gehminuten entfernt, ein unschätzbarer Vorteil, wenn man an das Frühtraining um 06.30 Uhr denkt und außerdem erfährt, welche Fahrzeiten viele Mittrainierende auf sich nehmen, um noch vor der Arbeit Geist und Körper zu stärken.

Vor meinem ersten Training war ich naturgemäß ziemlich aufgeregt, schließlich konnte ich nicht die Sprache, kannte mich weder in den Gepflogenheiten dieses fremden Dojos noch in der Umgangsweise mit Japanern besonders gut aus. Obendrein waren mir aus meinen vorhergehenden Lehrgängen bei Shimizu Sensei dessen hohe Ansprüche und große Autorität durchaus bekannt.

Meine Ängste waren jedoch unbegründet, denn als Gaijin (Außenmensch) genießt man in Japan sozusagen Narrenfreiheit. Natürlich ist es gut, wenn man aufmerksam ist und versucht, höflich seinen Mitmenschen zu begegnen, aber über Fehler geht man dezent hinweg. Mir half dann auch, dass in unserem Dojo schon Wert auf Umgangsformen und Mattenetikette gelegt wird. Außerdem konnte mir Eckhardt, der schon oft im Tendokan zu Gast war, viel über das angemessene Verhalten beibringen, bevor ich in allzu große Fettnäpfchen hätte treten können.

Manch einer stellt sich unter einem Hauptdojo einen besonders traditionellen, vielleicht sogar spirituellen Ort vor. In einer Riesenstadt mit unglaublichen Immobilienpreisen ist dies allerdings illusorisch. Hier gilt, was man aus einem Funktionsbau macht.

Das Tendokan (Halle des Himmelsweges) befindet sich in einem zweistöckigen Gebäude über einer Sporthalle, in der abwechselnd Karate und Kendo geübt wird. Sofort fiel mir die Ähnlichkeit mit unserem Dojo auf. Die Mattenfläche des stimmungsvoll aber praktisch eingerichteten Raumes ist kaum größer als bei uns und die übrigen Räumlichkeiten entsprechen in etwa den Hamburger Verhältnissen.

Das Training wurde meistens von Shimizu Sensei geleitet, aber manchmal übernahmen auch sein Sohn Kenta oder Nagai Sensei diese Aufgabe. Sensei war dennoch bei jedem Training anwesend und beherrschte die Atmosphäre im Dojo durch seine Ausstrahlung. Auffallend war, welch großer Respekt und welche Ehrerbietung ihm entgegengebracht wurde. Diese Form von Höflichkeit ist Teil der traditionellen japanischen Kultur und wiederholte sich auch im Umgang der Trainierenden untereinander.

Das Training im Tendokan unterscheidet sich zunächst einmal dadurch, dass selbständiges Aufwärmen vorausgesetzt wird. Zwar sind die Trainingseinheiten dadurch kürzer, aber es folgen abends immer zwei Einheiten aufeinander. Zudem ist das Tempo und die Intensität höher als bei uns. Durch die Sprachbarriere war ich sehr darauf angewiesen, durch Beobachtung und Nachahmung die Techniken genau auszuüben. Meine japanischen Partner waren aber auch sehr bemüht, mich gut zu führen und mich durch Gesten zu verbessern. Das erfordert natürlich eine große Konzentration. Nimmt man nun noch die hohe Luftfeuchtigkeit und das warme Klima mit in die Rechnung, so kann man sich vorstellen, dass Training in Tokio ganz schön anstrengend sein kann. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, möchte man auch noch möglichst jedes Training mitmachen. Und so wurden es richtig intensive Tage, die durch touristische Aktivitäten und persönliche Begegnungen abgerundet wurden.

Höhepunkte waren das gemeinsame Mittagessen bei Shimizu Sensei zu Hause, eine besondere Ehre, die ich der guten Beziehung von Eckhardt zu seinem langjährigen Lehrer verdanke.

Sensei lud uns zu einem gemeinsamen Ausflug mit seiner Familie zum Mt.Fuji und anschliessendem Bad in heißem Thermalwasser ein.

Ferner erlebten wir eine originale Teezeremonie, zu der uns Shinji, ein Freund aus dem Tendokan, morgens früh eingeladen hatte. Während zweier Stunden konnten wir und unsere Knie die Unterschiede zu den angeblichen Teezeremonien für Touristen kennenlernen.

Schön war auch das Wiedersehen mit unserem langjährigen Freund und Lehrer Marcus, der letztes Jahr seinem Herzen folgend nach Japan ausgewandert ist und nun mit seiner reizenden Frau Sachiko in Tokio lebt.

Ein Besuch in der alten Kaiserstadt Kamakura mit seinen zahllosen Tempeln rundete die Reise kulturell ab.

Und dann war auf einmal die Zeit in Japan abgelaufen und ich flog mit vielen neuen Bekannten, Erfahrungen und Eindrücken im Gepäck wieder nach Hause.