Tuesday, 01. November 2005
Eckhardt Hemkemeier

Etikette im Budo – Aikido

Etikette – was ist das?
Viele von uns haben, nicht ohne Grund, schon einige Kampfkunstfilme oder Samuraifilme gesehen. Das Interesse für die Kampfkünste lässt uns immer wieder auf “Benimmregeln” stoßen, die wir in unserem alltäglichen westlichen Leben so nicht haben. Dies ist ein Irrtum, den ich später aufklären möchte.

Die Personen in diesen Filmen, seien sie Schüler, Krieger, Lehrer oder andere, knien voreinander, verneigen sich, senken das Haupt vor heiligen Gegenständen. Sie handhaben die Waffen wie einen Kunstgegenstand der höchst wertvoll ist. Alles deutet auf einen bestimmten Kodex hin, der einen gemeinsamen Sinn hat.

Im Japanischen sagt man Rei, übersetzt einfach die Verbeugung. Es ist aber auch die Höflichkeit, die Achtung und Wertschätzung. Es ist also die Gegenwärtigkeit von Personen und Gegenständen, weitergehend betrachtet auch die von Situationen, Geschehnissen überhaupt, welche man im Budo Zanshin nennt, in diesem Fall “geistige Vorbereitung” oder “geistige Bereitschaft”.

Solch allgemeinen Höflichkeitskodex haben wir im westlichen Leben auch, wenn auch diese Dinge, wie auch in Asien, allerdings stark im Schwinden sind. Wir geben einander die Hand, dabei verbeugen wir uns sogar vor hochgestellten Persönlichkeiten, welches doch ein über Jahrhunderte alter Brauch ist. Unsere Ritter in alten Zeiten hatten da auch strenge Regeln.

In den Religionsriten knien wir nieder, legen uns sogar auf den Boden. Wir geben als Autofahrer Radfahrern und Fußgängern die Vorfahrt, obwohl wir schneller und stärker sind. Wir sind nicht nur zu Partnern und Vorgesetzten höflich, sondern (im Idealfall) auch zu Schülern und Untergebenen. Diese Höflichkeitsformen, Benimmregeln sind die selben die in den Kampfkünsten erforderlich sind.

Etikette – warum?
Ich spreche bewusst von Kampfkünsten, nicht von Kampfsport. Ich möchte da nicht weit ausholen, aber im Sport geht es um Siegen, Überwinden des Gegners als primäres Ziel, welches in den Künsten nicht existiert. Kunst kommt von künden, nicht von können. Und doch ist Kampfkunst ernsthaft, manchmal auch gefährlich für Geist und Körper. Da setzt die Begründung von Etikette an. Die Gegenwärtigkeit einer Person, einer Situation und Gefahr und die Achtung vor diesen, wird durch eine Verbeugung oder anderen Gesten verinnerlicht, gleichzeitig diesen anderen Personen, unseren Trainingspartnern zum Beispiel, veräußerlicht. Es ist eine Sprache des Inneren ohne Worte, die aber jeder versteht. Es erzeugt dieselbe Bereitschaft in den Personen oder Trainingspartnern um uns herum. Sie fühlen diese Sprache, diesen Ausdruck des Innersten. In diesem Augenblick schon sind Geist und Körper eins. Ein Raum, der von gleichen Schwingungen erfüllt ist.

Dann kann man eine zum Teil gefährliche Kunst üben, ohne einander zu verletzen, welches in den Kampfkünsten oberste Regel ist.

Etikette – wie geht das?
In unserer Kindheit lernen wir das Händeschütteln, Verbeugen, Knicks machen oder mehr, ohne Reflektion. Niemand erklärt uns warum wir das machen sollen. Es heißt einfach, “das macht man so!” Wir werden gezwungen Menschen die Hand zu schütteln obwohl wir sie vielleicht nicht mögen, sogar ohne zu zeigen, dass wir sie nicht mögen. Die Umgangsformen dringen tief in uns ein, wir lernen sie sogar zu benutzen.

Im Budo, in unserem Fall das Tendoryu-Aikido, haben wir eine einfache und natürliche Etikette. Beim Betreten des Dojo, den Raum der Übung, welches auch nur ein Platz sein kann, eine Sporthalle, ein Zimmer, im besten Fall natürlich ein speziell für die Zwecke eingerichteter Raum, verbeugen wir uns in Richtung der Kalligrafie, dem Shomen. Manche sagen auch Kamiza, wozu ich an anderer Stelle noch Erklärungen abgeben werde. In manchen Dojos knien die Schüler nieder und verneigen sich in Richtung des Shomen. Dies sollte man den Gegebenheiten anpassen. Dann verneigt man sich in die Richtung des Lehrers, falls anwesend und verschwindet schnell im Umkleideraum. Zurückkehrend verneigt man sich ein weiteres Mal. So verlässt man auch das Dojo.

Vor dem Üben fordert man einen Partner mit einer Verbeugung auf und trennt sich auch so wieder von ihm. Die Kontaktaufnahme ist also einfach und ohne Worte, mehr ist nicht nötig, kein Schulterstoßen, Ärmelziehen oder ähnliches ist erforderlich. Dem Dojo oder den Waffen wird die gleiche Aufmerksamkeit gewidmet. Man nimmt ein Schwert in die Hände, führt es zum Shomen gerichtet an die Stirn. Man überreicht es dem Partner mit dem Griff und der stumpfen Seite in seine Richtung. Weitere Details ergeben sich aus dem Unterricht und können leicht verschieden sein. Eine Form als Muß, als Dogma, ist ohne Ernst und Leben.

Etikette – welche Wirkung hat sie auf das Budo?
Wie schon verschiedentlich erwähnt, kann das Ausüben von Budo sehr gefährlich sein. Die Handhabung von scharfen oder halb geschliffenen Schwertern, Stöcken und Holzschwertern oder die bloße Körpertechnik ist ohne größte Aufmerksamkeit mit Verletzungen verbunden.

Die Etikette, durch ständig wiederholtes Training in unser tiefstes Bewußtsein eingedrungen, kontrolliert jedes Tausendstel einer Sekunde unsere Geisteshaltung und Körperbewegung. Vom Innersten fördert sie die Technik, das gesamte Ausüben des Budo. Achtsamkeit-Bewußtsein-Bereitschaft, die Basis des Budo.

Sie lässt uns Einwerden im Geist und Körper mit dem Universum... mit Allem. So drückte sich einmal O'Sensei aus: “Ich bin das Universum, ich bin eins mit dem Universum, zumindest versuche ich durch mein Dasein das Universum nicht zu stören”.

Etikette – welche Wirkung hat sie auf das alltägliche Leben?
Ich denke, diese Frage braucht man nicht zu beantworten. Ist Budo nicht wie das alltägliche Leben?

Eckhardt Hemkemeier, im November 2005
(und weit davon entfernt oben genanntes verinnerlicht zu haben und ausüben zu können).