Wednesday, 28. January 2009
Björn Ole Pfannkuche

Kangeiko 2009-oder wäre im Bett bleiben nicht einfacher?

Kangeiko
von Björn Ole Pfannkuche

Beep-Beep-Beep   ...  Beep-Beep-Beep ...  Beep-Beep-Beep

Januar, kurz nach 5 Uhr -  drinnen dunkel, draußen dunkel und der Wecker klingelt. Aufstehen! Die Leute in der S-Bahn schlafen noch fast und Autofahrer sind, für Hamburger Verhältnisse, erschreckend friedlich; kein Wunder, wer macht sich zu dieser Zeit auch auf seinen Weg? Wer geht freiwillig in der kältesten Zeit des Jahres, im Dämmerlicht des neuen Tages, vor die Tür? Die Tischler im benachbarten Betrieb sind ganz verblüfft: Im Dōjō ist Licht und müde Gestalten schleppen sich die Treppe hoch – über 20 dieses Jahr.

Es ist Kangeiko, Training unter Missachtung der winterlichen Kälte – eine Woche, eine Stunde, jeden Morgen. Was bei uns vielen nicht einmal bekannt, ist in Japan in allen Budōsportarten weit verbreitet. „Kan“ bedeutet wörtlich „kälteste Jahreszeit“ und „geiko“ „Training“, und in diesem Jahr traf dieses auch voll zu; zumal am ersten Morgen auch noch die Heizung ausgefallen war. Wer bis jetzt noch nicht durchgefroren ist, der ist es spätestens nachdem er sich mit klammen Fingern in den eiskalten Dogi gequält und dann die Matten betreten hat – und niemand trägt mehr als zu einem normalen Training am Abend oder im Sommer. Das Aufwärmen vertreibt zwar die Müdigkeit nicht aber die Kälte, zumal der unvermeidliche Kontakt mit der eisigen Matte  einem immer wieder die Kälte vor Augen führt.

Also bleibt nur eins: Durchhalten und trainieren! Schnell ist die Müdigkeit verflogen und man ist ganz bei der Sache – wie einfach es doch sein kann die Kälte zu vergessen! Wird einem doch einmal kalt, so reicht es auf den Lehrer zu gucken – angezogen wie wir und ohne sich warm zu trainieren – ist ihm keine Kälte anzumerken. Die eine Stunde ist schnell verflogen, zu schnell für einige, und schon beginnt für die, die nicht gemeinsam im Dōjō frühstücken, der ganz normale Werktag. Man ist plötzlich voller unbekannter Energie und wundert sich über die verschlafenen Gesichter der Leute da draußen. Für alle anderen ist es nur früh, ein Tag wie jeder andere, ein Tag im Winter. Walter von der Vogelweide schrieb: „ (...) Wie gern verschließe ich des langen Winters Zeit! | Bleib ich indessen wach, so wird mir Leid, |  dass seine Herrschaft ist so groß und weit. (...)“ Und was er vor über 700 Jahren beschrieb, das fühlen viele von uns noch heute bei Winter und Kälte – zu Hause im Warmen ist es am besten.

Für einige von uns schien dieses nicht zu gelten, denn 12 besonders Fleißige kamen jeden Morgen - eine Woche lang, fünf Tage. Auch wenn es  jeden Morgen etwas schwerer wurde, so brachte jeder die Disziplin auf - für sich selbst, nicht für andere oder den Lehrer – stand früh auf und kam ins Dōjō; einige waren sogar noch jeden Abend da.

Und auch wenn man nach der Woche froh ist, dass man es geschafft hat, so wissen doch viele spätestens am Abend des Kagamibiraki, dass auch im Winter 2010 ihr Wecker wieder sehr früh klingeln wird...