Friday, 14. April 2006
Eckhardt Hemkemeier

Das Dojo – Ort der zeitlosen Begegnung

Das Dojo (jap. 道場, dōjō; dt. Ort des Weges), gesprochen Doodschoo, vielmehr die Bedeutung des Dojo, muß man vor dem Hintergrund der asiatischen, shintoistischen und buddhistischen Geschichte Asiens betrachten.

In der Entwicklung des Shintoismus und des Buddhismus suchten die Gläubigen nach Orten, die für ihre Gebete und Übungen geeignet erschienen. Sie schufen in ihren Kultstätten Räume, in denen sie ihre Riten ungestört ausüben konnten. In Europa kennen wir so etwas als Kirchen und Klöster. Auch hier ist der Grund für die Bildung eines solchen Ortes die Suche nach einer Zeit der Ruhe und Unantastbarkeit von der Außenwelt. Eine Zeitlang waren solche Gebäude sogar unantastbar für die weltlichen Herren. Die Autorität des Glaubens an unberührbare Orte war sehr stark. Natürlich stand im Hintergrund die Kirche, eine Sekte oder Ähnliches, aber auch in den Menschen war die Kraft dieses Respekts. Die Aussage: „Vor Gott ist jeder gleich“ war ein Grundsatz in vielen religiösen Vereinigungen. Es sollte vermitteln, dass sich niemand sich auf Geld, Herkunft oder Beziehungen verlassen kann, sondern dass nur seine Taten und sein reiner Geist zählen. Das trifft auch auf das Dojo zu. Im Dojo sind alle gleich, es existieren keine Standesdünkel, weder reich noch arm werden bevorzugt.

Es ist eine heilige Stätte, nicht unbedingt im religiösen Sinn, aber ähnlich einer Kirche oder einem Tempel. An diesen Orten steht die Zeit still, Sorgen bleiben an der Tür zurück, auch die Bedeutung des Standes einer Person bleibt an der Tür zurück. Alles bleibt an der Tür zurück, bis auf das Sein. Ideell betrachtet! Das Ausüben der Kampfkünste an solchen Orten zu Erhebung des menschlichen Seins kam in Japan erst sehr viel später. Aus Indien allerdings, ist so etwas schon lange bekannt. Die Bedeutung eines stillen Ortes, unantastbar für die alltägliche Welt, wurde bald für die Kampfkünstler Asiens sehr wichtig. Hier konnten sie sich zurückziehen, in Ruhe, ohne Beobachtung und ohne Zeitdruck studieren und sich entwickeln.

Natürlich wurden und werden Dojo korrumpiert, Jede Art von Kirche oder Sekte hat dies erlebt. Menschen von außen bestechen, benutzen oder zerstören eine Kirche, einen Tempel oder Dojo. Die „Eigner“ eines Dojo, die Führer einer Kirche oder Sekte, benutzen ihre Position, sie benutzen den Geist des Dojo zur Aufwertung ihres Egos, zur Mehrung ihres Besitzes. Das wissen wir, aber das ist der schlimmste Fall.

Der Leiter, im Budojo der Sensei, bestimmt zwar das Wirken im Dojo, seine Meisterschüler oder älteren Schüler unterstützen ihn dabei, aber er herrscht nicht über die Schüler. Sie sind frei, sie wählen ihn für sich als Lehrer. Ein Lehrer ohne Schüler lehrt nicht, also ist er auch kein Lehrer. Der Lehrer kann einen Schüler ausschließen, wenn er den Geist des Dojo gefährdet sieht, nein, er ist sogar verpflichtet dies zu tun. Tut er es nicht, gefährdet er den Geist und somit die Existenz des Dojo, welches ja so vielen anderen helfen soll. Der Sensei lehrt, er lernt gleichzeitig an seinen Schülern und bereichert sich und seine Schüler mit einem besseren Ego und besseren Fähigkeiten. Der Sinn des Dojo nimmt ihn in diese Pflicht.

Hier betrachten wir einen anderen Aspekt des Dojo: Die Pflicht. Die Pflichten des Dojobesuchers, besser Dojogängers, können sehr verschieden sein. Wenig oder vielfältig. Das spielt keine Rolle, es ist die Anwesenheit von Pflichten, die wichtig ist. Freiheit und Gleichheit existieren nicht ohne Pflichten. Es gilt das Dojo zu erhalten, man muß bezahlen, es instand halten und pflegen, man muß die anderen Dojogänger fürsorglich behandeln und behüten. Selbst wenn man denkt, man muß mehr tun als andere, tut man es. Man beachtet den Sensei wie einen geistigen Führer. Er ist eine respektable Person besonderer Art. Man muß offen sein für die Lehre die einem dort begegnet, für die Fragen die sich einem selbst stellen. Man muß gewillt sein auf sein alltägliches Ego zu verzichten, auf seine Privilegien. Erst dann ist man förderlich für das Dojo, somit für alle. Erst dann kann man lernen und vielleicht sogar diese Erkenntisse mit ins alltägliche Leben nehmen.

Wie ensteht ein Dojo?
Ich denke, ich kann nicht erklären, wie so ein Ort wirklich entsteht, aber vielleicht aus meiner Erfahrung beschreiben. Ich bin katholisch erzogen worden, war bis zum Ausscheiden aus der Kirche auch Ministrant. Ich habe mich viel in der Kirche aufgehalten und diese Athmosphäre stark in mich aufgenommen. Als ich das erste Mal in Japan ein buddhistisches Kloster besucht habe, fühlte ich eine ähnliche Athmosphäre. In diesem Zenkloster war auch ein Dojo für ZaZen (jap. 座禅 / 坐禅 zazen), Zen Meditation im Sitzen). Durch eine Spalte in der Tür konnte ich die Mönche beim Sitzen sehen und fühlte, dass ich hier nur eintreten oder fortgehen kann. Als bloßer Zuschauer hatte ich das Gefühl zu stören, was sehr unhöflich gewesen wäre. Auch als ich einmal durch eine Hecke beim Kyudo (jap. 弓道, kyûdô, japanisches Bogenschießen) zusah, hatte ich ein ähnliches Gefühl. Nicht die Personen selbst weisen einen fort oder ziehen einen an, es war der Ort oder die Tätigkeit, die mich fortwies oder anzog. Das hieß für mich: Störe nicht den Raum dieser Menschen, bedränge sie nicht durch deine Anwesenheit. Geh im selben Geist mit ihnen oder geh. Als ich im vergangenen Dezember im Tendokan war erlebte ich dies so: Auf Grund einer Knieoperation konnte ich nicht am Training teilnehmen. Sensei bedeutete mir mich statt dessen auf einen kleinen Hocker zu setzen. Ich fühlte mich diese Stunde sehr unwohl. Beim nächsten Training saß ich im Dogi und Hakama am Rand der Matte und fühlte mich sehr wohl, mehr noch als Takahashi San mich bat, ihn einige Male zu werfen, damit ich doch ein wenig vom Training hätte.

Durch meine Reisen habe ich viele Orte dieser Art kennengelernt, ob Kirchen, Klöster, Tempel oder Schreine. Ich werde mich hier aber auf ein Budojo beziehen. Das erste Dojo, welches ich betrat, war wohl eher ein Sportraum. Das Gefühl war, obwohl dort Aikido und Karate praktiziert wurde, kein „Dojogefühl". Auch andere Dojo in Hamburg vermittelten mir nicht das gleiche Gefühl wie das Zendojo in Japan. Als ich Peter und Olaf aus Lüneburg ein wenig half, etwas in ihrem neuen Dojo einzurichten, und als die ersten Trainingseinheiten stattfanden, bekam ich das erste „deutsche“ Dojogefühl. Eine „freie“ Ernsthaftigkeit, eine Präsenz des Budogedanken war zu spüren. Shimizu Sensei sagte einmal: „Jede Begebenheit, die in einem Dojo stattfindet, trägt zum Geist des Dojo bei. Alles Gute und Schlechte, jeder Gedanke wird Teil des Dojo.“ Deswegen habe er Abstand davon genommen, andere Gruppen in seinem Dojo trainieren zu lassen.

Vor einigen Jahren haben wir, eine Gruppe Aikidotrainierender, den Entschluss gefasst, ein „eigenes“ Dojo zu errichten. Eigenes habe ich in Anführungsstriche gesetzt, weil man ein Dojo nicht besitzen kann. Man kann den Raum besitzen, aber nicht den geistigen Inhalt. Ich kann sagen, dass die meisten von denen, die daran beteiligt waren, den Geist des Dojo erzeugt zu haben und damit auch die Bedeutung eines Dojo erkannt haben. Sie haben nicht nur darin gearbeitet, es gebaut, sondern anschließend auch trainiert, die ersten Reparaturen durchgeführt und neue Mitglieder eingeführt. Sensei und sein Sohn Kenta sagten bei ihrem ersten Besuch des Dojo diese Qualität sofort zu: „Richtiger und guter Geist“! Viele andere Lehrer gaben ähnliche Äußerungen von sich. Massimo Abate (Karatelehrer), Pascal Olivier, Walter Krinner, Birgit Lauenstein, Christian Haller (Tendoryu-Aikidolehrer).

Der Sinn des Dojo
Der Sinn ist, das Ego von allen Vorstellungen und Lasten zu befreien, um es für eine neue Entwicklung zu befähigen. Wie ein altes buddhistisches Sprichwort sagt: „Ein volles Glas kann man nicht füllen". Das Betreten eines Dojo bedeutet sich zu befreien, für eine kurze Zeit frei zu sein. Natürlich frei zu sein, nicht um zu machen was man will.

Lehren wie die Kampfkünste, ZaZen oder andere Zenmethoden, benötigen nicht unbedingt einen Raum, es könnte auch ein Platz oder Halle sein, aber es ist ungleich schwieriger an anderen Orten diese Stimmung zu erzeugen. Ich las einmal über einen Karateschüler in Japan, dass sein Dojo ein Hof einer Schule war. Vor jedem Training fegten die Schüler den Platz, nahmen in einer Reihe vor dem Sensei Platz. So kann auch ein Dojo entstehen. In unserem Fall, dem Aikido Dojo Seishinkan, wollten wir einen Raum, der uns Platz zum Training gibt, aber auch zur Begegnung dienen kann, für weitere Kurse, die das Training fördern.

Ich sehe die Veränderung unseres Dojo und seiner Besucher. Manch einer verändert sich bald. er oder sie reflektieren ihre Umgebung, ihre Arbeit, ihr Benehmen und Aikido, und verändern es zum Besseren. Manch einer scheint für ein Dojoleben geboren, ein anderer tut sich schwer, aber jeder macht eine Entwicklung durch. Durch eigene Reflektion, durch die der Partner im Dojo oder des Lehrers. Einige geben auf, sie wollen nicht ihr Ego preisgeben oder fühlen sich fehl am Platz. Aber immer denke ich, ein wenig nehmen sie mit, auch wenn sie es nicht wollen. Andere kehren nach Jahren zurück und fühlen das Bedürfnis nach Veränderung, oder sie suchen Halt nach einem schlimmen Erlebnis. Das Dojo, in diesem Fall alles was dort ist, kann einem Kraft geben, mehr noch, die eigene Kraft wiederzuentdecken, das Ki wieder zum Fließen zu bringen. Das spürt jeder, der eine Zeitlang in einem Dojo war.

Stärke, Toleranz, Flexibilität, Vertrauen, Kraft, Ausdauer, Selbstsicherheit, viele Ausdrücke für eine Sache, für das fließendes Ki. Darum denke ich, dass ein Dojo nötig ist für die Menschen, es ist nötig um Aikido zu üben, es ist nie Selbstzweck. Ein schön dekorierter Raum, edel ausgestattet, kann dieselbe spirituelle Aussage wie ein U-Bahntunnel haben. Auch das fühlt man.

Letztlich kann man das alles in die esoterische Ecke schieben, realistisch betrachtet sind solche Dinge nicht beweisbar, wissenschaftlich gesehen alles Placebo, spiritistischer Unfug... Aber Aikido lehrt einen, sich selbst besser kennenzulernen. Der Eine in mir weiß mittlerweise sehr genau was gut für ihn ist.

Zum Beispiel ins Dojo zu gehen und zu trainieren.