Monday, 25. March 2002
Eckhardt Hemkemeier

Shimizu Sensei in Belgrad

Nach einem schönen Lehrgang in Hennef und Deggendorf ergab es sich, daß Shimizu Sensei und ich gemeinsam nach Belgrad fliegen konnten. Reinhold aus Plattling brachte Sensei, Peter Haase und mich freundlicherweise nach München zum Flughafen. Morgens um 9 Uhr waren schon Hunderte von betrunkenen Fußballfans dort und füllten die Abflughalle mit Lärm. Peter mußte leider wieder nach Hamburg zurück, und so trennten sich bald unsere Wege. Im Flieger der Lufthansa freuten wir uns schon auf einen kleinen Snack, wie wir es bei der Businesclass sahen... Aber für uns gab es nichts! Servicenotstand überall. Ein kleiner Restrotwein- und Sakenebel ließ uns schnell einschlafen.

Nach der Ankunft mußte ich mir noch schnell ein Visum holen während Sensei schon vorging. Dann konnte auch ich mein Gepäck holen und wollte durch den Zoll gehen. Aber Sensei war verschwunden. Ich suchte alles ab, und nach einer halben Stunde liefen wir uns dann bei der Paßkontrolle über den Weg. Wir stellten fest, daß wir uns beide gegenseitig suchten, weil wir den Anderen nicht zurücklassen wollten.

Währenddessen wartete Ivo geduldig draußen auf uns. In T-Shirt und mit Sonnenbrille strahlte er uns entgegen. Wir drei freuten uns schon sehr auf dieses Wiedersehen. Sensei betonte wieder, „I like Yugo“. Ivo hatte einen „neuen“ Polo, der nicht mit einem Molotowcoctail im Motorraum bestückt war. Zur Erklärung muß ich sagen, daß vor 4 Jahren der Lehrgang mit Sensei unter dem Stern des Unterganges des Milosevicregimes stand. Jugoslawien war völlig isoliert von den anderen Ländern und befand sich in einer desastren ökonomischen Lage. Deshalb konnte Ivo seinen Polo nicht reparieren, der einen defekten Tank und Benzinleitungen hatte. Aber erfindungsreich wurde eine 2-Liter Colaflasche im Motorraum angebunden und ein Plastikschlauch führte von dort zum Vergaser, was dem Drink des Fürsten Molotow gleichkam. Mit dem Kommentar „No Gasolinesmell, nicht Kamikaze“, bestiegen wir die deutsche Qualitätsdose. Die chronische Genickstarre sollte für den Rest der Tage anhalten.

Zuerst war großes Hallo bei der Familie und Bewunderung des von Ivo und seinem Sohn gebauten Dojos angebracht. Die Leistung, in einer solchen Zeit Geld und Material zusammen zu bringen, war erstaunlich. Dann trieb unser Hunger uns zu einer Imbißbude spezieller Art. Miki, unser junger Freund aus Novisad, der nicht nur sehr gut Japanisch spricht, sondern auch im Aikido außerordentliche Fortschritte macht, sprach von einer „normalen Menge“ von Essen. Aber allein die Vorspeise machte uns satt. Dann kam die Hauptspeise. Berge von gegrilltem Fleisch in verschiedenen Zuständen. Wer jemals in einem serbischen Restaurant in Deutschland war, multipliziere den herkömmlichen Grillteller mit drei.

Inzwischen waren auch Inge, Volker und Gerard aus Hamburg eingetroffen. Volker, der noch lange mit seiner Grippe kämpfte, ließ sich trotzdem dieses "Abenteuer Belgrad" nicht nehmen. Abends war dann ein Spaziergang im Belgrader Zentrum angesagt. Die lauwarme Luft trieb die Leute auf die Straße, die Geschäfte waren noch geöffnet. In der Skadalska, der ältesten, noch von den Türken erbauten Straße, fanden wir ein schönes Restaurant, in dem wir den Abend ausklingen ließen. Am nächsten Morgen begann dann die typische serbisch betriebsame Hektik, in der dann alles auf einmal erledigt werden mußte. Die Pressekonferenz, das Abholen von Anja, Claudia und Olaf vom Flughafen, Mittagessen und vieles mehr. Auf der Pressekonferenz mußten Sensei, Ivo und ich viele wichtige Fragen beantworten, die dann doch nicht ins Fernsehen kamen, außer einem kleinen Interview mit Sensei. Einige Zeitungsartikel behandelten dann aber doch Sensei's Kommen.

Endlich kamen wir dann am Abend zum wichtigen Teil: Das Training. Die Halle war bereits gefüllt mit vielen Zuschauern und Aikidoka, die in wohlorganisiertem Chaos die zum Teil sehr zerstörten Matten auslegten. Wir Aikidoka aus Deutschland griffen dann ins Geschehen ein. Die besten Matten legten wir, nicht ganz uneigennützig, in dem Bereich aus, wo Sensei seine Techniken vorführen sollte. Sensei selber ist dafür auch immer dankbar, denn wer bleibt schon gern mit den Zehen in einem Loch hängen. Außerdem fürchtet er immer noch um seine Knie, die aber mittlerweile wieder recht gut funktionieren, wie wir es danach an eigenem Leib spüren konnten.

Ivo, Olaf und ich agierten während des ganzen Lehrgangs immer wieder als Uke. Sensei war in Form und seine Stimmung bestens. Das übertrug sich schnell auf uns und die hundert Teilnehmer. Sensei demonstrierte wie immer den Shiho-Nage. Auf den ersten Blick wirkten die Teilnehmer enttäuscht und gelangweilt. Aber als Sensei herumging und unterrichtete, oder als sie mit einem von uns trainierten, merkten sie, daß da mehr ist als die Technik, die sie bereits kannten.

Ich kenne die kraftvolle, energische Art der Belgrader schon lange. Daher wußte ich, daß ihnen mit Kraft nichts entgegenzusetzen ist. Also tat ich was wir immer tun: Ä;ußerst entspannt zu üben wie Sensei es uns unterrichtet. Fast alle Partner registrierten mit Erstaunen, das sie nicht blockieren konnten, das gerade die sanfte Technik sehr stark wirkte. Es schien für mich wie ein Wunder wie leicht es ging. Auch Olaf meinte beiläufig: „Sie sind fest, aber kein Problem“. Volker, Inge, Anja und Claudia erging es da etwas anders. Ich machte Ihnen Mut und forderte sie auf ein wenig mehr Selbstbewußtsein zu haben, was dazu führte das Inge nach dem nächsten Training mit einem strahlenden Lächeln von der Matte ging. Die Stimmung stieg von Training zu Training. Die Teilnehmer waren begeistert und wir spürten, wie sie ihre Technik änderten. Das Wetter tat ein übriges, Sonnenschein und reichlich Essen, Schlaf war eher Mangel, aber dies senkte nicht die gute Stimmung. Für den letzten Tag war etwas besonderes geplant, woran Anja und Claudia leider nicht teilnehmen konnte, da sie nach Berlin zurückkehren mußten.

Es war ein Training in Novi Sad, eine hübsche Stadt 80 km nördlich in Richtung ungarische Grenze. Olaf und ich waren nicht so begeistert, ebenso Gerard, Volker und Inge. Es bedeutete das Olaf und ich auf dem Rücksitz in einem Polo fahren mußten, und die Anderen hinten in einem R4. Den R4 verloren wir schon nach wenigen km aus den Augen. Miki, der aus Novi Sad stammt, erwartete uns mit Radko, dem Gastgeber, in dessen schönen Dojo, welches in einem Bunker untergebracht ist. Nach einiger Zeit kamen die R4-Fahrer auch an. Wasserverlust und eine Reifenpanne machten die Sache für sie etwas spannender. Kaffee und Kekse, Schnaps und Häppchen verkürzten die Zeit bis zum Empfang beim Bürgermeister, der bei Radko gerade mit Aikido begonnen hatte.

Die üblichen Reden und Fragen an Sensei und uns waren schnell vorbei. Nur das Klagen über die bösen Westler, die ihre schönen Brücken über die Donau zerstört hatten, ging uns doch allmählich auf die Nerven. Die Serben können sich nicht damit abfinden; Sie selbst finden sich vollkommen unschuldig an den Greueltaten ihrer Armee und Milizen. Der Westen hat eine ihm gemäße Konsequenz daraus gezogen, wie auch immer man dazu stehen mag. Zerstörte Fernsehsender, Krankenhäuser, Schulen und andere Zivileinrichtungen sind natürlich keine adäquate Antwort. Dazu konnten und wollten wir keine Position beziehen.

Nach dem Mittagessen ging es auf die Zitadelle, von der wir einen wunderbaren Ausblick auf die Donau und Novi Sad hatten. Leider konnte man sich auch ein wenig die Schrecken der Bombardierung vorstellen, wenn man die zerstörten Brücken in der Donau sah. Dies schien aber ein Patrouillenboot nicht davon abzuhalten, mit knatternden MP's auf der Donau eine Übung abzuhalten.

In einer recht modernen Halle, in der auch schon wieder ein Fernsehteam des lokalen Senders wartete, empfingen die Teilnehmer des Lehrgangs und die Zuschauer Shimizu Sensei mit großer Begeisterung. Er hatte bereits einmal 1988, zweimal 1989, und wie bereits erwähnt, 1998 Serbien besucht. Aikido ist in Serbien schon speziell. Allein über hundert Zuschauer wollten den Meister sehen. Leider flog Olaf bei einem schönen Koshinage Sensei's auf die Schulter, was ihn sofort aus dem Verkehr zog. Glück im Unglück, zurück in Lüneburg stellte sich heraus, daß nichts verletzt war.

Müde aber zufrieden folgten wir dann noch der Einladung Radko's in ein traditionelles Restaurant, wo es dann die dreifache Menge der dreifachen Menge zu Essen und Trinken gab. Alles bis zum Abwinken. Die Rettung war, das wir noch nach Belgrad zurück mußten und am nächsten Tag sehr früh abreisen wollten.

Die Gastfreundschaft der serbischen Freunde ist immer wieder schön. Mit Ihren bescheidenen Mitteln schaffen sie es immer wieder einen zu überraschen. Bei uns in Deutschland scheint so etwas zum größten Teil abhanden gekommen zu sein. Auch beim Training gehen sie unkompliziert miteinander um. Wo bei uns manch einer vor lauter Sendungsbewußtsein kaum noch selbst trainiert, ist dort ein Schwarzgurt immer noch neugierig genug, um unglaublich schnell Sensei's Stil zu übernehmen.

Ich wünsche mir das Aikido die Menschen wieder zusammenführt, und die Prinzipien der Toleranz, Offenheit und Freundschaft wieder in uns erweckt.

im März 2002
Eckhardt Hemkemeier