Sunday, 31. July 2005
Bert Alpen

Herzogenhorn 2005

Erlebnisse eines Exil-Hamburgers

Bundeslehrgang mit Shimizu Sensei in Herzogenhorn. Hat man ja schon viel von gehört. Wer schon mal da war erzählt gerne davon, wie toll es dort ist, wie anstrengend, und, und, und... Klar dass ich da auch mal hin wollte! (Allein schon um mitreden zu können ;-)

Die vergangenen Jahre hatte es für mich aus den verschiedensten Gründen nicht geklappt: Zuerst gab es die Beschränkung, dass Teilnehmer mindestens den 3. Kyu haben mussten. Irgendwann war es dann so weit und ich erfüllte diese Bedingung. Doch bis dahin war der Andrang zum Horn weiter gewachsen, so dass nur noch Teilnehmer ab 1. Kyu angenommen wurden. Endlich konnte ich dann auch das vorweisen, doch da hatte ich gerade das Studium beendet, war auf Arbeitssuche und konnte mir die Teilnahme nicht leisten.

Doch im Jahr 2005 war es schließlich so weit: Ich hatte nicht nur eine Arbeit gefunden (und damit das Geld), ich bekam sogar Urlaub! Einen Haken gab es dabei allerdings: Meine neue Firma residierte in Bayern, so dass ich Ende 2004 schweren Herzens das Dojo in Hamburg verlassen und in den Süden ziehen musste. Mittlerweile habe ich in München beim TSV Großhadern ein neues Dojo gefunden. Die Leute sind nett, die Lehrer gut, das Aikido ist schön – ich fühlte mich sofort wie Zuhause! Die Anmeldung zum Lehrgang war allerdings noch über Hamburg erfolgt, so dass ich mir mein Zimmer mit Gérard teilte. Was keineswegs schlimm war – es gibt Menschen mit einem schlechteren Weinkeller! (Ja ja, über meinen Waldbeerenwein müssen wir jetzt nicht weiter reden, er ist halt ein kleines Bisschen sauer, hergottnochmal, na und, so was kann ja mal vorkommen...)

So kam ich also am Sonntag Nachmittag auf dem Herzogenhorn an und wurde dort von Olaf Müller begrüßt, der die organisatorischen Details übernommen hatte. Als ich mein Auto auslud traf auch gerade der Rest der Seishinkan-Truppe ein: Neben Gérard nahmen in dieser Woche Marcus und Klaus teil. So wurde ich gleich von langjährigen “Horn-Veteranen” unter die Fittiche genommen und in die wichtigsten Traditionen (Verdauungsspaziergang zum Gipfel, mobiltelefonieren vom “Telefonberg”, Käseplatte zum Mittag, Wein am Abend etc.) eingeführt. Das Wetter war fantastisch, die ersten Tage hatten wir eine unglaubliche Fernsicht auf die Alpen. Nur bis zum Mont Blanc konnte man leider doch nicht sehen.

Am Montag Vormittag begann das Training. Shimizu Sensei zeigte sich die ganze Woche über sehr guter Laune, er sprach sogar mehrfach öffentliches Lob für Leute aus, deren Verhalten sehr natürlich war. Zu Beginn war es noch sehr anstrengend, weil unsere Körper sich noch an die Höhenlage von über 1300 m anpassen mussten. Aber bald hatten wir uns daran gewöhnt, und die Tage vergingen wie im Flug. Mir hat die Abgeschiedenheit dort oben sehr gut gefallen: Kein Fernsehen, keine Autos, kein Stress – man kann sich sehr gut auf die eine Sache konzentrieren die zählt: Das Aikido. Nebenbei hat man die Gelegenheit, sich mit vielen Aikidoka aus Deutschland, Belgien oder Jugoslawien zu unterhalten.

Der Mittwoch Nachmittag war traditionell trainingsfrei. Wir nutzten diese Gelegenheitfür einen Spaziergang zusammen mit unserem Feund Miki aus Novi Sad um den Herzogenhorn zur Krunkelbachhütte. Dort verbrachten wir einen schönen Nachmittag mit angeregten Gesprächen bei leckerer Gulaschsuppe, einer traditionellen Brotzeit und entspannter Flüssigkeitsaufnahme im kühlen Schatten. Als Ergebniss kann ich schon mal eine serbische Version unserer Homepage ankündigen!

So gestärkt stürzten wir uns an den zwei verbleibenden Tagen wieder ins Training. Am Donnerstag Nachmittag war es sehr schwül, was uns allen sehr viel Schweiß abverlangte, auch der Geräuschpegel auf der Matte nahm durch das viele Keuchen deutlich zu. Aber am Freitag war die Luftfeuchtigkeit wieder geringer, und wir konnten uns auf die letzten Trainigseinheiten konzentrieren.

Zum Ende des Lehrganges verlas Olaf als Sprecher für den technischen Beirat eine Reihe von Graduierungen. Ich freue mich bei jedem Lehrgang auf diesen Moment, es ist schön zu sehen wie die vielen Mühen und Anstrengungen anerkannt werden. Aber diesmal war es noch ein Bisschen schöner als sonst, weil ich selbst zum Sho-Dan graduiert wurde. (Ja, ich habe auch jetzt da ich diese Worte schreibe ein dickes, fettes Grinsen auf dem Gesicht!) Es hörte sich etwas merkwürdig an, wie Olaf mich aufrief: “Bert Alpen, vormals aus Hamburg, jetzt in München”. Da wurde es sozusagen das erste mal offiziell verkündet: Ich bin kein Hamburger mehr! Aber ich war viel zu erschöpft und glücklich, um lange darüber nachzudenken... Dann kamen alle Lehrgangsteilnehmer nach vorne kam um uns frisch Graduierten zu gratulieren. Das war ein phantastisches Erlebnis: All die Aikidoka mit denen wir in dieser Woche trainiert hatten freuten sich mit uns!

Am Freitag Abend gab es noch ein gemütliches Beisammensein mit Live-Musik und einer kleinen Theateraufführung. (Ivo: Deine “Lili Marleen”-Einlage war super!), bei dem wir noch einmal die Woche Revue passieren ließen. Am Sonnabend reisten wir schließlich ab. Ich kann nur sagen, dass es eine tolle, schöne und sehr intensive Woche für mich war. Der Herzogenhornlehrgang ist wirklich etwas besonderes, Ihr könnt ruhig all die Geschichten die erzählt werden, glauben! (Na, zumindest fast). Für mich stellt mein erster “Horn” (ich hoffe auf weitere) auch einen Wendepunkt dar. Weniger wegen meiner Graduierung, als weil sie meinen endgültigen Übergang vom Seishinkan nach Großhadern darstellt.

Tschüß Hamburg, es war eine tolle Zeit mit Euch!
Hallo München, ich hoffe es bleibt so schön, wie es angefangen hat!

Bert Alpen
(vormals aus Hamburg, jetzt in München)
im Juli 2005