Tuesday, 04. May 2004
Eckhardt Hemkemeier

Musik – Japan – Aikido

Ein Essay von Eckhardt Hemkemeier.

Immer wieder werde ich gefragt, “Was ist Aikido”. Nie fragt mich jemand “Was ist Musik?” Um die Zusammenhänge aufzuzeigen muss ich wohl zuerst etwas über mich erzählen.

Von Kindesbeinen an brachte mich meine Mutter mit der Musik zusammen. Erst folkloristisch, dann aber bald mit der klassischen Musik. Von einem Großonkel erbte ich ein Klavier und bekam intensiven Unterricht. Mit 15 Jahren wechselte ich auf ein musisches Gymnasium, wo ich dann auch mit dem Kontrabassspiel begann. Nach kurzer Zeit machte ich die Aufnahmeprüfung als Jungstudent, das heißt neben der Oberstufe des Gymnasiums, an der Nordwestdeutschen Musikakademie in Detmold. Mein Professor war gnädig und nahm mich 16 Jährigen unter seine Obhut. Mit ihm begann mein Kontakt nach Japan. Ich hatte nicht nur japanische Kommilitonen, mein Professor war auch mit einer Japanerin verheiratet. Er erzählte etwas für mich vollkommen unverständliches wie “an nichts denken”, “eins werden mit dem Instrument”, und vieles mehr. Aber mein Interesse war geweckt und er empfahl mir das Buch “Zen in der Kunst des Bogenschießens” von Eugen Herrigel. Gänzlich unvoreingenommen las ich hingerissen von einer völlig anderen Lehrmethode als dem deutschen Schulsystem. Mein Professor benahm sich ein wenig so wie ein Zenmeister. Ich konnte mich darauf einlassen, seine Strenge war eigentlich seine größte Hilfe an uns Studenten.

Nach wenigen Jahren trat ich eine Stelle im städtischen Orchester Dortmund an, wurde Assistent an der Musikakademie. Dann wechselte ich nach Hamburg zum NDR und übernahm einen Lehrauftrag an der Akademie. Über einen kurzen Abstecher ins TaiChiChuan, begann ich mit dem Aikido. Die wirkungsvollen Bewegungen, das in Einklang zu kommen mit sich und der Umwelt und das sanfte Miteinander begeisterten mich wie zuvor die Musik. Bald wechselte ich zu einem Schüler von Shimizu Sensei in Tokyo und einem der letzten Uchi Deshi des großen Meisters und Begründer des Aikido, O'Sensei Morihei Ueshiba.

Immer mehr nahm mich diese humane und natürliche Kampfkunst gefangen. Bald gründete ich eine eigene kleine Schule, in der wir uns vollkommen dem Tendoryu widmen. Nun sind 17 Jahre vergangen, es scheint als wäre es gestern, wie ich die erste eckige Rolle machte. Die Lehrmethode von Shimizu Sensei unterscheidet sich kaum von der meines ersten Meisters in der Musik. Auch mit ihm habe nun einen sehr engen Kontakt ohne mich auf die gleiche Stufe stellen zu wollen. Es gab keinen Unterschied ob ich Bass lernte oder Aikido. Immer noch sind diese Meister meine Meister.

Das Lernen als Zweck um eine Chance im Berufsleben zu bekommen, das viele Training, die vielen Reisen nach Japan, die vielen Lehrgänge in Europa mit Sensei, um wieder eine höhere Graduierung zu bekommen, all das verblasste bald als Nebeneffekt. Es blieb das Lernen als wahrnehmen von Zusammenhängen, wie die Harmonielehre und Rhythmuslehre in der Musik, das tiefer in die Dinge schauen, Harmonie zu schaffen oder zu erhalten ohne Spannung und Stress.

Was ist Aikido? Was ist Musik?
Beides entstand aus einem Bedürfnis, mit Allem in Einklang zu kommen, Ai wie Liebe und Harmonie, das erinnert mich an Mozart, Bach, Schubert oder Andere. Ki, die Kraft des Universums die durch einen fließen kann, die dem Musiker den Ausdruck gibt, die Expressivität seines Geistes und Körpers. Und Do, immer wieder bereit sein den Weg zu gehen, neu zu beginnen mit einem alten oder neuem Stück, mit einer wohlbekannten oder neuen Technik. Immer und immer wieder den Geist zu leeren um Mushin zu erreichen, den freien Geist, ungebunden an persönlichen Konventionen und Urteilen, um eine alte Sache neu zu entdecken und so Geist und Körper reicher zu machen.

Zwei Kulturen, die augenscheinlich sehr unterschiedlich sind, haben Künste entwickelt, die dem ureigensten Prinzip des Ki's, der Kreativität des Unbewussten folgen. Mich hat es zusammengeführt mit Japans Kultur, seinen Menschen die zuerst so fremd für uns sind, aber jetzt doch so viel Freundschaft und Zuneigung für mich bedeuten. Mit der Musik, die ich nach Japan bringe, ernte ich Aufmerksamkeit und Bewunderung, mehr aber nehme ich Verständnis für unsere Andersartigkeit wahr, für unsere europäische Eigenart zu leben, die Musik öffnet mir die Herzen, die mir dann ihre Kultur zeigen und erklären, die mich verstehen machen wollen was Japan ist: Budo, Aikido, eine Kunst der Zusammführung der Menschen, Konfliktvermeidung durch Konfliktbereitschaft, Toleranz durch ein starkes Ich. Kein leeres Gerede wie, “Ja ich verstehe dich, nein ich habe kein Problem mit dir” usw, sondern geradeaus mit dem Geist, aber ohne Agression und flexibel, bereit sein etwas zu verstehen und zu lernen.

Aikido ist im Budo einzigartig, da es keine Wettkämpfe gibt, kein Vergleich, ob jemand besser oder schlechter ist, möglich ist. Die Ausübung von Zen ist nicht untereinander oder mit anderen Dingen vergleichbar, außer vielleicht mit Aikido, so Shigeo Kamata, ein berühmter Zen-Professor und Aikidoka des Tendoryu. Wie in der Musik haben auch im Aikido einige Leute begonnen Wettbewerbe zu veranstalten. Der Sinn ist fraglich, für mich tatsächlich nicht existent. Kreativität, Ausdruck, Ki, kann nicht auf wenige Augenblicke reduziert, überprüft und verglichen werden. Ein ganzes Leben voller Leidenschaft und Energie ist da von Nöten.

Das ist (m)eine Antwort auf die Frage: “Was ist Aikido”

Vielen Dank an das japanische Generalkonsulat, welches meine Worte in ihrer Zeitschrift “Japan auf einen Blick” veröffentlicht hat.
Eckhardt Hemkemeier