Monday, 30. August 2004
Eckhardt Hemkemeier

Eine heiße Reise

Herzogenhorn, München und Novi Sad

In diesem Sommer hatten meine Frau Gaëlle und ich beschlossen, gemeinsam Ende Juni das Seminar auf dem Herzogenhorn, eines in München und danach Anfang Juli in Novi Sad, Jugoslawien, zu besuchen. Shimizu Sensei bat mich besonders darum, ihn nach Novi Sad zu begleiten, da ich die Leute dort gut kenne und sein Sohn Kenta in diesem Jahr keine Zeit hatte, mitzukommen.

Das war mir natürlich eine Freude, aber mit dieser Hitze hatte keiner gerechnet. Von Hamburg starteten wir gemeinsam mit Stephan, Marcus, Björn und Christian bei kühlem Wetter in aller Frühe, um unsere Hamburger Freunde Volker, Gérard und Klaus auf dem “Horn” abzulösen, die schon eine Woche Regen und Nebel auf dem 1300 Meter hohen Berg ausgehalten hatten. Der Lehrgang war für sie in bester Stimmung zu Ende gegangen. Wir näherten uns dem Schwarzwald bei steigenden Temperaturen und der Horn empfing uns mit Sonnenschein und einem großen Wiedersehenshallo mit vielen Aikidoka aus ganz Deutschland.

Gleich am ersten Nachmittag, eine Stunde nach Ankunft, waren wir schon im Dojo, um dieses zu putzen. Peter und Gerold empfingen uns bereits. Es war unglaublich heiß. Über 30 Grad und kein Sauerstoff war für uns auf Meereshöhe wohnenden Menschen kaum zu ertragen. Schweißgebadet begann für uns das Training. Shimizu Sensei war gnädig und ließ uns nur die erste Viertelstunde flüssig trainieren, danach unterbrach er öfters um über die Technik oder die Philosophie des Budo zu sprechen.

Die nächsten Tage wurden leichter, da der Luftaustausch im Dojo besser wurde. Die Hitze blieb, aber es wurde leichter zu atmen. Wie gebannt folgten die 60 Teilnehmer Senseis Vorführungen und Unterricht. Geduldig und aufmerksam leitete er die Aikidoka durch die Stunden. Die Kodansha, die Höhergraduierten, hatte das Vergnügen nach dem Training eine weitere kleine Unterrichtsstunde von Sensei zu bekommen. Da war Ukemi gefragt, Techniken wurden auf Harmonie und Rhythmus überprüft. Immer wieder war die Natürlichkeit des bewegten Körpers, somit auch des Geistes gefordert. Die meisten der Lehrgangsteilnehmer beobachteten auch diese “Stunde” sehr aufmerksam.

Nach einer unglaublich lustigen, wieder von Robert Hundshammer organisierten Abschlussfeier, ging der Lehrgang wieder einmal viel zu schnell zu Ende. Für unser Dojo sind zwei Shodane zu beglückwünschen: Gaëlle Hemkemeier und Stephan Sautter.

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von den Freunden und fuhren Richtung München, da Sensei dort schon um 16.00 Uhr in Großhadern auf der Matte stehen sollte. Wieder schien die Sonne und gönnte uns schöne Ausblicke auf den Bodensee. Frohgelaunt unterhielten wir uns mit Sensei und die Fahrt war sehr kurzweilig. Dank Dieters Beschreibung fanden wir das Hotel in München sofort und er empfing uns dort mit großen Mineralwasserflaschen. Ein kurzes Mittagessen und schon standen wir wieder auf der Matte.

Gaëlle hatte sich im vorletzten Training auf dem Horn einen Halswirbel verdreht und fiel somit für diesen Lehrgang in Großhadern aus. Ich selbst fühlte mich sehr müde nach der Hornwoche, außerdem entspannen diese langen Strecken Autofahren nun auch nicht. 120 Aikidoka waren trotz schönsten Wetters aus der ganzen Republik angereist, sogar Rob aus Holland kam mit einigen Schülern. Diesmal mussten auch Anja, Christian und Walter mitschwitzen, Senseis Techniken waren wie immer sehr lebendig. Auch hier noch mal ein Lob an Birgit, die wie schon in der Woche davor dolmetschte, manchmal auch noch Uke war. Dieter hatte den Lehrgang exzellent vorbereitet, so hatten wir eine entspannte Zeit. Den folgenden freien Montag verbrachten wir in München mit Shopping, Eisessen und riesige Erdbeertorten verschlingend.

Am nächsten Morgen brachen wir dann auf nach Ungarn, wo ich ein Hotel in Sopron, einer wunderschönen barocken Kleinstadt nahe Wien, gebucht hatte. Diese 500 Kilometer wurden uns doch lang. Unaufhörlich regnete es in Strömen und verhinderte flüssiges Fahren. So erreichten wir Sopron erst gegen Nachmittag. Die kleine türkische Sauna des Hotels entspannte uns sehr und wir spazierten dann anschließend durch die schöne Stadt, die wie ausgestorben war. Sopron ist aber als sehr sehenswert beschrieben und der Rotwein der Gegend lädt doch normalerweise viele Touristen zum verweilen ein. So saßen wir dann allein in einem großen traditionellen Lokal, wo wir dann ausgesprochen höflich ein großes Abendessen genießen konnten. Zufrieden kehrten wir ins Hotel zurück, indem wir dann nach einem kleinen Spaziergang noch ein Gläschen tranken.

Der nächste Morgen begrüßte uns wieder mit Sonnenschein. 600 Kilometer lagen vor uns. Es wurde wieder sehr warm und an der Grenze nach Serbien wurde es uns dann heiß, nicht wegen des Wetters, sonder wegen der ungarischen Grenzpolizei. Eine sehr unhöfliche Grenzbeamtin bedeutete uns, dass wir umkehren sollten, konnte uns aber weder in Deutsch, Englisch, Französisch oder Japanisch erklären, warum wir dies sollten. Ich beharrte darauf weiterfahren zu können und diese Beamtin rief einen Kollegen herbei. Auch dieser erklärte uns nichts und eilte mit unseren Pässen davon. Nach 45 Minuten bekam ich diesen Grenzer wieder zu fassen und er gab uns kommentarlos unsere Pässe zurück und bedeutete uns weiterzufahren. Ich hätte mich mit diesem Ergebnis zufrieden geben können, aber ich war ein wenig sauer über diese Behandlung und fragte ihn, warum sie uns aufgehalten hätten. Etwas unsicher erklärte der Beamte uns, dass Japaner einen Einreisestempel bräuchten, Sensei aber keinen hätte, also könnte er auch nicht ausreisen. Ich erwiderte, dass Sensei in die EU eingereist sei, und dort überall herumfahren könnte, außerdem sei an dem Übergang Österreich-Ungarn nicht ein einziger Grenzbeamte gewesen, der uns diesen Stempel hätte geben können. Der Grenzbeamte schüttelte nur hilflos mit dem Kopf, ich bedankte mich für diese freundliche Auskunft und wir fuhren weiter zur serbischen Grenze. Hier war ich Unfreundlichkeit, Langsamkeit und Ärger gewohnt. Der serbische Grenzer sah auf unsere Pässe und bemerkte: “Franceski, Germanski, Japanski” und stempelte die Pässe lachend. Er wünschte uns eine gute Reise und weiter ging es auf den guten jugoslawischen Straßen.

Nach eineinhalb Stunden erreichten wir endlich Novi Sad. Das Thermometer hatte inzwischen 35 Grad erreicht und wir freuten uns auf eine Dusche. Miki und Ivo empfingen uns am Ortseingang und lotsten uns zu dem Hotel. Ein neues und sehr freundliches Hotel erwartete uns. Wieder eine Überraschung. Zimmer mit Klimaanlage, freier Internetzugang und gutes Frühstück. Der knurrende Magen machte uns nach der Dusche darauf aufmerksam, dass wir seit dem Frühstück nichts gegessen hatten außer ein paar Keksen. Das sollte die serbische Küche nun wettmachen. Ich bedeutete Miki nur für vier anstatt fünf Personen zu ordern, aber es war dennoch eine Mahlzeit für acht Personen. Den Rest des Essens packte der Kellner ein und Ivo konnte seinen Schülern noch etwas mitbringen.

Am folgenden Morgen hatten wir um 10 Uhr bereits 33 Grad. Ein slowenisches Ehepaar sagte uns, dass die Nachrichten eine Steigerung von 1 – 2 Grad die Stunde angesagt hätten. Das konnte ja lustig werden. Aber zuerst war Sightseeing angesagt. Novi Sad ist eine in einer Donauschleife liegende Stadt, die eine sehr schöne Altstadt und Umland zu bieten hat, ein Fort auf einem Berg an der Donau, gute Cafés und Restaurants, die zum Verweilen einladen.

Am Abend zeigte das Thermometer 38 Grad, in der Halle müssen es über 40 Grad gewesen sein. Allein das Umziehen ließ uns schweißgebadet die Halle betreten. Die Sporthalle der Universität war kürzlich renoviert worden, leider noch nicht komplett. Der Fußboden war in einem hervorragenden Zustand, so auch Umkleiden und Duschen, aber die Lüftung war noch auf dem alten Stand, wir konnten kaum ein paar Fenster öffnen. Dafür trösteten 350 qm neue Matten doch sehr, einige von uns kannten die Qualität jugoslawischer Tatami von den Lehrgängen in Belgrad und Herceg Novi.

Dann war hoher Besuch angesagt. Der japanische Botschafter in Serbien, war mit seinem Stab unterwegs zu uns, um Sensei zu begrüßen. Auch war der Dekan der Universität, der Minister für die Provinz Vojvodina und der Minister für Kultur angemeldet. Diese Herren ließen es sich dann auch nicht nehmen, vor Fernsehen und Presse einige Reden zu halten, während wir im Seiza andächtig lauschten.

Nach 15 Minuten war es dann soweit, Sensei eröffnete das Training mit einer kleinen Vorführung. Ich bedauerte sehr, dass nicht Olaf, oder einer der anderen Freunde, die auf den letzten Lehrgängen in Jugoslawien dabei waren, uns dieses Mal begleiteten. Sensei rief mich zu sich und ich konnte kaum meine Knie dazu bewegen zu funktionieren. Sensei signalisierte mir, ein paar Kniebeugen zu machen, bevor ich angriff. Tatsächlich bewegte sich mein Körper nun auf Sensei zu, der mich dann, in verschiedenen, euch sicher bekannten Variationen, auf die Matte beförderte. Die neue Matte war noch sehr rutschig, so dass wir Mühe hatten eine gute Vorstellung zu machen. Doch weder die 70 Teilnehmer noch die anderen Zuschauer bemerkten unsere Unsicherheit. Nun war ich absolut nassgeschwitzt, aber glücklich den schwierigsten Teil dieses Lehrganges überstanden zu haben. Sensei war sichtlich zufrieden, wie auch die Ehrengäste und Lehrgangsteilnehmer. Starker Applaus war der Dank.

Alles ging wieder viel zu schnell vorbei, die schönen Stunden des Trainings, die lauschigen Abende auf der Terrasse des Horn, die kühle Luft der Donau in den Restaurants in Novi Sad und das Sitzen zum Schlummertrunk in einem der Straßencafes. Die interessanten Gespräche mit Sensei und all den anderen Freunden.

Aber der Frühling wird kommen und Sensei versprach, dieses Mal zu Ostern in Hamburg einen Lehrgang zu geben.

Auf ein Wiedersehen, bis dahin,
Eckhardt Hemkemeier