Mittwoch, 02. Juli 2014
Enrico Rosenkranz

Tagebuch Herzogenhorn 1. Woche

 

Sonntag, 22. Juni

Trotz eines ungeplanten Umweges, erreichen wir pünktlich das Trainingszentrum Herzogenhorn im schönen Schwarzwald. Die Temperaturen sind sehr angenehm und das Essen gut. Nach dem Zurechtrücken der Matten noch etwas Lektüre.

Nicolas Talebs Buch „Antifragilität“ fesselt mich sehr. Was ist nun Antifragilität? Viele kennen bereits den Begriff „fragil“, der hin und wieder auf Paketen mit leicht zerbrechlichem Inhalt steht und entsprechend vorsichtig behandelt werden soll. Antifragil wäre ein Paket, wenn das Paket nun sehr grob behandelt wird und der Inhalt darin davon sogar noch profitieren würde. Ein besser verständliches Beispiel sind Muskeln, die bis zu einer Obergrenze durch Gebrauch wachsen. Oder auch wenn wir fasten, wird unser Körper antifragiler, indem er seine Selbstheilungskräfte aktiviert (Ausnahme Magersüchtige). Diese Antifragilität kann man auch in alle Bereiche des Lebens übertragen, sogar auf Unternehmen, Gesellschaften und Staaten.

 

Montag, 23. Juni

Nach einem bescheidenen Frühstück (von der Menge her), steht nun die erste Einheit an. Shimizu Sensei erklärt uns, daß der Kampf gegen sich selbst sehr schwer ist und es immer wieder Überwindung braucht. Wir fangen mit „einfachen“ Techniken an. Shimizu Sensei unterbricht öfter, weil er mit der Ausführung der Techniken unzufrieden ist. Die Geschwindigkeit ist auch bei mir zu hoch und die Haltung schlecht. Weiter erklärt er: „Aikido fängt dort an, wenn man sich um die Ausführung der Technik keine Gedanken mehr machen muß.“

Nach einem kleinen Mittagsschläfchen steht die Nachmittagseinheit an. Obwohl Basistechniken gelehrt werden, ist diese Einheit sehr anstrengend. Auch merke ich, daß ich Shiho-nage alles andere als beherrsche. Nach dem Abendessen geht es zum Gipfelkreuz des Herzogenhorn. Unterwegs grasen friedlich Jungbullen.

 

Dienstag, 24. Juni

Heute stehen 3 Einheiten auf dem Programm. Die Erste wird von Kenta Shimizu um 6:30 Uhr geleitet. Auch hier wieder ständiges Arbeiten an den eigenen Unzulänglichkeiten. In der zweiten Einheit unterrichtet Shimizu Sensei das Schwert. Ich bin erstaunt, als er erklärt, daß ein waffenloser Kämpfer einem Schwertkämpfer überlegen ist, der er sich viel freier bewegen kann. Weiter führt er aus, daß man mit dem Schwert nicht „verhaftet“ sein soll. Das Schwert dient Hauptsächlich zum besseren Verständnis der Aikido-Technik.

Mittags noch etwas Lektüre. Die Einheit am Nachmittag beinhaltet die 4 Grundhebeltechniken Ikkyo bis Yonkyu. Die Knie werden stark beansprucht und schmerzen. Nach dem Training, wie so oft auf diesem Lehrgang, feilen an der Technik mit Gérard.

Nach dem Abendessen machen wir uns wieder los zum Gipfel. Wir begegnen einem älteren Schafhirten mit seiner riesigen Schafherde. Zwei Hunde unterstützen ihn. Toll, daß es noch solche Berufe gibt. Anschließend drei Saunagänge und ein nettes Gespräch mit Martina und Robert über das Kindertraining.

 

Mittwoch 25. Juni (Bergfest)

In der ersten Einheit wird viel mit dem Stock geübt. Shimizu Sensei führt wieder aus, daß der Stock nur als Verlängerung des Körpers zu verstehen ist. Man solle ihm nicht so viel Bedeutung beimessen.

Bei traumhaften Wetter wandern wir zu neunt zur Krunkelbachhütte. Neben reichlich Bier und Honigschnaps gibt es leckeren Eintopf und eine Wurst-Käse-Platte. Die Stimmung ist ausgelassen und heiter. Der Weg zurück recht beschwerlich, weil bergauf.

 

Donnerstag 26. Juni

In der zweiten Vormittagseinheit weist uns Shimizu Sensei noch einmal darauf hin, nicht immer nur stupide vor-sich-hin zu trainieren. Man wird so keine Fortschritte machen, wird frustriert und gibt schließlich irgendwann auf. Auch gibt es Aikidoka die seit vielen Jahren keine Fortschritte mehr machen. Weiter beklagt er, daß in Japan die Wirtschaft zu stark dominiert und der menschliche Geist zu schwach ist. Japan konnte deshalb nie kolonialisiert werden, weil die Japaner besonders im Geist stark waren. Dies war die Zeit der Samurai.

Beim Nachmittagstraining, wie auch schon bei den anderen Einheiten ersichtlich, legt Shimizu Sensei großen Wert auf die korrekte Ausführung der Technik. Er unterbricht dazu mehrfach, bzw. korrigiert einzelne Aikidoka am Mattenrand. Bei Trainingsende würdigt er doch die allgemeine Verbesserung in den Techniken.

Am Abend Lektüre, Nicolas Taleb:

Wir zollen heute Menschen, die für andere Risiken auf sich nehmen, keinen Respekt mehr und räumen ihnen auch nicht aus diesem Grund mehr Macht ein. In traditionellen Gesellschaften bemißt sich die Würde und der Respekt der ihm entgegengebracht wird, nur daran wie weit er oder sie bereit ist für andere Nachteile auf sich zu nehmen. Die Mutigsten und Tapfersten bekleiden in diesen Gesellschaften den höchsten Rang: Ritter, Feldherr, Befehlshaber. Dasselbe gilt für Heilige, die auf ihre eigenen Ansprüche verzichten und ihr Leben dem Dienst an ihren Mitmenschen weihen - an den Schwachen, den Geächteten, den Armen.

Heute haben wir es mit dem Gegenteil zu tun. Macht scheint an diejenigen zu gehen: Banker, Firmenchefs (nicht Privatunternehmer), Politiker – die der Gesellschaft eine freie Option stehlen.“

Ich bleibe heute Abend dem Fußballspiel (D – VSA) fern. Gewisse Personen eignen sich nicht, als Vorbilder zu gelten. Das Anhimmeln von charakterschwachen Personen ist meine Sache nicht. Entsprechend gering ist die eigene Identifikation mit der Nationalmannschaft. Um wie viel interessanter müßte es in der antiken römischen Arena zugegangen sein, wo meist freie Männer alles gaben und glorreich starben?

 

Freitag 27. Juni

Die erste Einheit beginnt mit einer Ansprache von Shimizu Sensei in Sachen japanischer Etikette. Anschließend folgen recht gewaltige Kokyo- Techniken. Mir liegen diese Techniken sehr und ich muß aufpassen den Trainingspartner nicht in seinem Ukemi zu überfordern. Shimizu Sensei erklärt, daß für die persönliche Weiterentwicklung viel Training notwendig ist. Die Aikido-Techniken sind dabei nur Mittel zum Zweck. Am Ende der zweiten Einheit werden noch die Graduierungen ausgesprochen.

Nach dem Abendessen noch schell ein Besuch beim Gipfelkreuz. Anschließend gibt es von Kenta Shimizu noch einen schönen Kurzfilm über seinen Vater. Eine kleine Abendveranstaltung rundet die erste Woche Herzogenhorn ab.

 

Samstag 28. Juni

Rückreise.