Montag, 02. März 2009
Léo Tamaki

Kenji Shimizu - Der letzte Schüler von O Sensei Ueshiba

Man sagt, O Sensei Morihei Ueshiba habe Zehntausende von Schülern unterrichtet. Einige von ihnen widmeten sich mit Leib und Seele dem Aikido, indem sie Uchi Deshi wurden, und bildeten die Gruppe der Meister, die das Aikido in der Welt entwickelten. In diesem sehr geschlossenen Kreis pflegten manche wie Minoru Mochizuki Sensei eine sehr enge Beziehung zu dem Gründer des Aikidos. Kenji Shimizu ist eine dieser seltenen Personen, die O Sensei unmittelbar unterrichtete und der er ganz besondere Aufmerksamkeit schenkte. Léo Tamaki hat für Sie „den letzten Schüler“ Meister Ueshibas getroffen.

Sensei, in Ihrer Kindheit haben Sie mit dem Judo angefangen?

Kenji Shimizu: Ich war damals 13 Jahre alt und habe bis zirka 23 geübt. Dies hat mir zwar eine gute Basis, aber auch schlechte Gewohnheiten verschafft. In meinen ersten Aikidozeiten beunruhigte sich Osawa Sensei darüber, dass dies mein Aikido, besonders das Verständnis der Uke-Übung, beeinträchtige.

Was ist in dieser Hinsicht der Hauptunterschied zwischen Judo und Aikido?

K.S.: Es ist ähnlich. Allerdings wird man beim Judo geworfen, nachdem man Widerstand geleistet hat, während man beim Aikido den Wurf akzeptiert, ohne sich der Technik zu widersetzen. Man täuscht aber das Folgen nicht vor. Heute ist das aber oft der Fall. Bevor die Technik ausgeführt wird, springt der Partner von alleine.

Wenn der Wind weht, biegen sich die Äste. Weht er sehr stark, biegt sich der Baum, weht er sanft, flattern die Äste langsam. Beim Aikido ist es ähnlich, man soll nicht allein fallen, sondern sich mit der Bewegung harmonisieren, sei sie sanft oder stark. Beim Judo gewöhnt man sich daran, zu widerstehen, und ich glaube, dass ich diese Macke hatte. Aber nach und nach habe ich es geschafft, natürlich und richtig zu fallen.

Waren Sie nie verletzt?

K.S.: Doch, mehrmals. Schauen Sie, meine beiden Gelenke sind verschieden, dieses ist durch einen Nikkyo entstellt worden. Wenn man noch nie einen Nikkyo erlebt hat und jemand es einem so plötzlich, gewaltig einsetzt, wirkt es wie ein Blitz im Kopf. Dann habe ich natürlich versucht, das zurückzugeben, was mir angetan wurde. Aber der Partner ließ sich nicht darauf ein.

Mit der Zeit macht man natürlich Fortschritte, und wenn man die korrekte Form lernt, wird man wirklich stark. Später bin ich zu denjenigen, die mich verletzt hatten, gegangen und habe sie gebeten, mit mir zu üben, aber diese antworteten mir immer: „Ach, heute kann ich nicht, mein Ellbogen ist verletzt“ oder „Mein Knie tut weh.“ (Lacht)

Wie sind Sie dazu gekommen, vom Judo zum Aikido überzugehen?

K.S.: Wegen des Alters kann man nicht immer weitersiegen, auch wenn man stark ist. Herr Kaburagi, einer meiner Bekannten, fragte mich eines Tages, ob ich mich dem Judo wirklich widmen wollte. Darauf sagte er mir: „Heute ist Judo ein Sport.“ Dies war vor 43 Jahren…

Wenn du kein Judo, sondern echtes Budo machen willst, musst du dem letzten der Budoka begegnen.“ Es war Morihei Ueshiba, und ich hatte noch nie von ihm gehört. Herr Kaburagi arrangierte dann mit ihm ein Treffen, bei dem ich ihm vorgestellt wurde. O Sensei, Kisshomaru Sensei, Tohei Sensei, Herr Kaburagi, Muko, die Tochter von Osawa Sensei, die später meinen älteren Bruder heiratete, und ich waren dabei.

Wie ist Ihr Treffen gelaufen?

K.S.: Als ich ihn kennen gelernt habe, wunderte ich mich, dass so eine Person überhaupt existiert. Es war, als ob er aus der Vergangenheit kommen würde. Er war wie jemand, der zu einer anderen Zeit lebte.

Auf den ersten Blick ist etwas zwischen uns passiert. Wir waren uns zwar nie begegnet, aber kaum hatte ich ihn gesehen, habe ich ihn geachtet und bewundert; er seinerseits schien mich zu schätzen und wollte, dass ich mit ihm übe. Ich hinterließ meine Adresse, als ich aufbrach und hatte bereits vor, wiederzukommen. Aber Kisshomaru selber rief mich an und sagte mir, O Sensei möchte mich gerne wieder treffen und fragen, wann ich wieder kommen würde. Ich bin sofort hingegangen und O Sensei sagte mir: „Normalerweise nehme ich keinen Uchi Deshi mehr auf. Aber möchtest du mein Uchi Deshi werden?“ Ich habe zugesagt, und deswegen haben die Leute damit begonnen, mich den letzten Schüler zu nennen. Es gab andere Uchi Deshi nach mir, Endo oder Suganuma, aber seine letzten Schüler wurden sie nicht.

Worum handelte es sich, als Sie zum ersten Mal O Sensei begegnet sind. Gab es eine Vorführung?

K.S.: An dem Tag hat Tohei Sensei eine Vorführung gemacht. Als O Sensei mich zum zweiten Mal zu sich kommen ließ, kam ich während seines Unterrichts an. Zu dem Zeitpunkt, als ich das Dojo betrat, wandte er sich zu mir und rief nach mir. Vor anderen Schülern hat er bei mir Techniken angewandt und erklärte mir dabei einige Grundaspekte.

Wie oft haben Sie damals trainiert?

K.S.: Ich hatte kein Geld und wenn ich trainierte, hatte ich noch mehr Hunger. (Lacht) Zum Glück, je mehr man trainiert, desto mehr Fortschritte macht man. So erhielt ich nach drei Jahren den vierten Dan. Ich hatte den ersten Dan nach einem Jahr erhalten und dann habe ich ca. alle sechs Monate einen Dan erhalten.

Ich hatte das Glück, in die besten Orte geschickt zu werden, um zu unterrichten oder O Sensei zu begleiten, und ich habe die Ehre gehabt, ihm viel als Uke zu dienen. Diese Übungsmomente bleiben für mich ein wertvoller Schatz, der mich noch heute in meiner Übung führt.

Bei wem haben Sie Techniken gelernt?

K.S.: Es gab viele Senseis und als ich Uchi Deshi geworden bin, habe ich jeden für mich zugänglichen Unterricht besucht. Aber die Tatsache, Uchi Deshi von O Sensei zu sein, hat mir am meisten geholfen.

Über die Technik als solche hinweg habe ich seine Seele beobachten können. Man musste seine Absicht in seinem Geist lesen und unmittelbar reagieren, um seiner Technik folgen zu können. Er war in der Auswahl seiner Partner sehr strikt. O Sensei war streng. Konnte der Uke nicht richtig folgen, brach er in Wut aus und schrie: „Was machst du?“ (Lacht). Man musste imstande sein, ihm auf einen Millimeter perfekt zu folgen. Er duldete keinen Augenblick der Unaufmerksamkeit. Zum Beispiel, nachdem man geworfen wurde, durfte man ihm beim Zurücksetzen nicht den Rücken zeigen. Man sollte ihn dabei weiter anschauen. Seine Sorge um authentisch martialische Übung vertiefte sich bis zum kleinsten Detail hin.

Heutzutage gibt es wenige Lehrer, die in dieser Hinsicht anspruchsvoll sind. Doch ohne korrekten Reigisaho kann es kein Budo geben.

Wie viele Uchi Deshi gab es damals, abgesehen von Ihnen?

K.S.: Es gab viele davon. Ich glaube, als ich ankam, gut ein Dutzend. Aber die Leute um mich fragten sich, warum ich akzeptiert hatte, Uchi Deshi zu werden.

Es war wirklich eine Übergangsphase. Niemand wusste, was damals aus dem Aikido werden würde. Die Olympischen Spiele kamen und die Wirtschaft stieg schnell. Aber wir selber hatten nicht genug Geld, um uns ein passendes Hakama zu leisten. (Lacht) Sogar die Sempai waren in derselben Situation!

Ihr Leben als Uchi Deshi musste damals ziemlich schwierig sein, oder?

K.S.: Wir hatten ja kein Geld, aber unser Leben war voller Fülle und intensiv. Mir bleibt keine schmerzhafte Erinnerung. Wir hatten keine Zeit, an oberflächliche Dinge zu denken, und sobald wir für uns waren, schliefen wir. (Lacht)

Da ich der letzte Ankömmling war, musste ich den Einzelunterricht weiter leiten, während die anderen im Büro waren, Tee trinken und sich unterhalten durften. Es war für mich nicht wirklich spaßig. Alle waren zwar da, aber sie ließen die Schüler gedulden, während ich eine Unterrichtsstunde zu Ende brachte, damit ich die darauf folgende Einheit übernehme! Ich musste meine Zeit mit einem leeren Bauch beim Unterrichten und üben verbringen. Aber so ist das Leben im Dojo. Es gab viele Persönlichkeiten, die Einzelunterricht nahmen. Und es wäre sehr schlimm gewesen, wenn eine von ihnen wegen eines etwas harten Wurfes verletzt worden wäre. Ich fragte mich immer, warum ich solchen gar nicht unterhaltsamen Unterricht leiten musste. Aber dies habe ich später verstanden. Solche schwierigen Momente gab es halt. (Lacht)

Gaben Sie also den ganzen Einzelunterricht?

K.S.: Es gab welchen, den ich selber gab und welchen, zu dem ich als Assistent, bzw. als Partner für den Sensei und den Schüler, kam. In diesem Fall war es anders, und ich bin dafür dankbar, das Glück gehabt zu haben, O Sensei in seinem Einzelunterricht zu begleiten.

Es gab zum Beispiel Hioki Hidehiko. Dieser Mann war ungefähr 65 Jahre alt und einer der persönlichen Schüler O Senseis. Wir waren also immer zu dritt, und in diesem Fall zeigte O Sensei zahlreiche verschiedene Techniken.

Aufgrund seines Alters musste Herr Hioki bei zehn Minuten Training fünf Minuten ausruhen. Da er Diabetiker war, geriet er sehr schnell außer Atem. Dann schaute mich O Sensei so an, als würde er mich fragen, ob ich eine Frage hätte. Sofort nutzte ich die Gelegenheit aus, um ihn zu befragen: „ O Sensei, in dieser Situation...“

Als ich Judo geübt habe, hatte ich nie eine einzige Frage gestellt. Dies waren unschätzbare Momente. In Berührung mit O Sensei gewesen zu sein ist der Schatz, der von seinen Uchi Deshis am meisten verehrt wird.

Es scheint, dass O Sensei zu Ihnen besondere Zuneigung hatte?

K.S.: Ich glaube ja. O Sensei hat viele Schüler gehabt. Einige von Ihnen behandelte er besonders wohlwollend, z. B. Mochizuki Sensei, dem er in seiner Kindheit nahe stand, oder mich, in der letzten Phase seines Lebens. Er hat mich unzählige Male geworfen. So hat er die Leute, die er besonders schätzte, behandelt! (Lacht)

In jedem Augenblick rief er, um zu wissen, ob ich anwesend war. Ich war zwar beauftragt, viel Einzelunterricht zu geben, aber er kümmerte sich nicht darum. Wenn er das Dojo verließ, rief er und schickte mich mit Bokken und Jo fort. Zwar hatte ich Unterricht, Einzeltraining zu leiten oder Termine, aber O Sensei sorgte sich nicht um solche Angelegenheiten. (Lacht)

Ich war Uchi Deshi und es gab nichts anderes zu tun, als seinem Anruf sofort nachzukommen.

Er rief aber nicht von einem nah gelegenen Ort an, in den man sich innerhalb einer halben Stunde oder Stunde begeben konnte. Er rief von Osaka, Iwama oder solchen Orten an. Dies geschah ständig.

Aber gleichzeitig war er unglaublich nett und kümmerte sich um mich wie ein Großvater um seinen Enkel. Zum Beispiel gab es solche Geschichten. O Sensei wollte zum Iwama-Schrein fahren. Ich meinerseits beendete den Privatunterricht und sagte mir, endlich werde ich einen schnellen Mittagsschlaf machen. Morgens gab es zwei normale Unterrichtseinheiten und zwei oder drei Einzelunterrichtsstunden, dass ich oft nicht genug schlafen konnte.

O Sensei kam an und sagte mir: „Ach, Shimizu, ich gehe nach Iwama, komm mit mir!“ Iwama lag damals weit entfernt und die Strecke dahin war lang, man brauchte mehrere Stunden, um sich dorthin zu begeben. Natürlich antwortete ich eifrig „Ja, ich habe verstanden“ und fing mit den Vorbereitungen an. Aber ich war oft müde und meine Antwort klang sehr wahrscheinlich schwach. Es gibt Momente, in denen der Körper anfängt, schwer zu folgen, und natürlich spürte O Sensei das. Dann kam er fünf oder zehn Minuten später und sagte mir: „Ach, Shimizu, für heute langt es, du brauchst nicht mitzukommen.“ Er hatte die ganze Situation begriffen.

O Senseis Güte bestand darin, mich viel als Uke zu nutzen, sich aber auch um mich bis zu diesen Details zu kümmern.

In einem Interview auf der Aikidojournal-Webseite erzählen Sie, dass O Sensei während einer Unterrichtsstunde wütend hereinplatzte und dabei sagte, was die Leute betreiben würden, wäre kein Aikido.

K.S.: Ja, er war sehr streng bei den technischen Details. Er sagte immer: „Dieses Aikido übe ich nicht!“

Die heute im Budokan stattfindenden Vorführungen verliefen damals in Hibiya. Wir konnten aber O Sensei nicht im Voraus dahin fahren: Wenn er jemanden beim Aikidoüben zusah, sagte er: „Was macht er! Das ist kein Aikido!“

Der Saal war voll und es gab ungefähr 2000 Zuschauer. Solche Ereignisse waren sehr peinlich, deswegen mussten wir O Sensei erst zu Beginn seiner Vorführung mitnehmen. O Sensei wartete im Dojo und fragte mich: „Es hat schon begonnen, oder? Um wie viel Uhr soll ich dahin?“ Und andererseits sagte man mir: „Shimizu, du darfst O Sensei nicht vor dieser Uhrzeit hinbringen!“ (Lacht)

O Sensei drückte sich unglaublich aufrichtig aus. Er konnte nicht schmeicheln und war sehr streng.

Wenn O Sensei eine Vorführung machte, zeigte er das Gleiche wie im Dojo?

K.S.: Um die Wahrheit zu sagen, habe ich immer das Gefühl gehabt, dass O Sensei beim alltäglichen Unterricht nie das ganze Ausmaß seiner Fähigkeiten zeigte. Nicht bei großen öffentlichen, sondern bei privaten Vorführungen oder im Einzelunterricht zeigte er Techniken, die man normalerweise nicht sah. Beim Zuschauen sagte ich mir: "Ach ja, natürlich, das kann man auch so machen" oder "Dies ist also das echte Bujutsu."

Manchmal gab es auch Momente, in denen ich mir beim Zuschauen gewisser Techniken sagte, dass allein O Sensei sie ausführen konnte. Und dieses Gefühl war bei den Sempai verbreitet. O Sensei alleine ist zu so etwas fähig...

O Sensei war eins dieser Individuen, die es als solche in der Welt der Bujutsu nur alle fünfzig oder hundert Jahre gibt. Er war ein Genie.

Ähnelten diese Techniken dem Daito Ryu?

K.S.: Hm, sicherlich. Aber O Sensei hatte zahlreiche Schulen gelernt, deswegen konnten es genauso Techniken aus der einen oder der anderen Schule sein wie eine Sache, die er selber geschaffen hat. Ich habe nur bei ihm gelernt, deswegen kann ich es nicht genau sagen.

Was unterscheidet Aikido von den anderen Budo-Arten?

K.S.: Die Essenz liegt, denke ich, in der äußersten Tiefe seiner Philosophie. Je mehr man Aikido übt, desto schwerer fällt es einem, es zu lernen. Aber wenn man auch älter wird, kann man dabei Fortschritte machen.

Nimmt man Judo oder Karate als Beispiel, erreicht man bei diesen Kampfkünsten das höchste Niveau generell in der Jugend. Je besser unsere körperliche Fähigkeiten sind, desto stärker ist man. Im Aikido kommt unsre Stärke nicht aus unseren körperlichen Eigenschaften sondern aus der Harmonie zwischen Körper und Geist. Dies führt in paradoxer Weise dazu, dass man immer effektiver wird, obwohl man älter wird.

Indem man Aikido länger übt, werden Geist und Körper nur noch eins, und je mehr die Zeit vergeht, desto wirksamer wird man.

Sind also die körperlichen Fähigkeiten nur von zweitrangiger Bedeutung?

K.S.: Es gibt Leute, die in perfekter körperlicher Verfassung sind und bei den ersten Krankheitssymptomen plötzlich sterben, während manche kränkliche Leute sehr lang leben. Dann fragt man sich, was die Stärke eines Menschen ausmacht. Besteht es darin, während einer Lebensphase stark zu sein, wenn man jung ist, oder sein Leben bis zum letzten Augenblick auszuleben?

Die echte Natur der menschlichen Stärke gehört zu den Sachen, deren man sich beim längeren Üben des Aikido bewusst wird. Wenn man altert, ändert sich der Körper. Wenn man jung ist, funktionieren die Innereien ganz gut und man ist fit. Mit zunehmendem Alter schwächt zwar der Körper, aber der Geist wird stärker: Das ist unser „Kimochi“, das die Muskelschwäche lenkt und ausgleicht und uns es ermöglicht, sich bis zum letzten Atemzug auszuleben. Dies findet einen konkreten Ausdruck in der Technik, in der man den Partner aufnimmt und seine Kraft ausnutzt.

Wie definieren Sie das Ki?

K.S.: Im Aikido spricht man oft vom Ki, aber es ist ein abstrakter Begriff, der schwer zu verstehen ist.

Spricht man vom Ki, kommt vor allem das Kimochi, die Arbeit des Herzens in Betracht. Daraus ergibt sich die Kraft und Energie. Dieses Grundprinzip ist viel wichtiger als die Muskelkraft. Die Leistungsfähigkeit kommt von der geistigen Kraft her.

Hört man die Erzählungen der Kriegsüberlebenden, versteht man, dass man beim schwach werdenden Ki unwiderruflich zu Tode kommt. Ohne Nahrung oder Hoffnung auf den folgenden Tag ermöglicht nur die geistige Kraft (Kiryoku) das Überleben. Verliert man die Hoffnung, stirbt man. Das Ki lenkt und führt den Menschen.

Das Ki ist mehr als eine körperliche Energie, also eine geistige Kraft?

K.S.: Die Seele ist die Quelle des Ki.

Ich möchte zwar nicht, dass die Leute sich in meiner darauf folgenden Behauptung irren, aber ich glaube nicht, dass man unterrichten kann, was Ki ist. Es ist etwas, das man durch Übung selber erfahren und verstehen muss.

Manche Personen sind nur an der Technik interessiert und möchten stärker werden, indem sie darauf fokussieren. Aber auch wenn man eine solide Technik erlernt, ist die Technik alleine nutzlos. Ist der Geist nicht stark, wenn man dem Gegner gegenüberstehen muss, wird das Herz trotz des starken Körpers weichen. In den älteren Zeiten verwendete man beim Budotraining den Körper zur Stärkung des Geistes bei der Übung. Shin shin tanren, den Körper und den Geist schmieden. Aikido ist genau das, es dient zur einheitlichen Stärkung von Körper und Geist. Das fällt dem Menschen sehr schwer.

Man darf sich nicht auf das Lernen der technischen Formen beschränken. Man fängt mit der Übung der Formen, der Kata an, dann vergisst man sie, um sich in die Technik richtig hineinzuversetzen. Die bloße Wiederholung der Form erstarrt uns und blockiert unsere Entwicklung.

Die Übung der Form ist also nur der erste Schritt?

K.S.: Ja, wenn man anfängt, ist es wichtig, die korrekte Form genau zu lernen. Es ist das Kihon, die Basis. Bleibt man aber auf die Übung der Kihon fixiert, kann man nicht mehr fortschreiten.

Unterrichten Sie die Techniken, indem sie die Bewegung zerlegen oder stufenlos durchführen?

K.S.: Ich persönlich zerlege im Unterricht die Technik nie. Ich zerlege sie wirklich nur gelegentlich, um den Anfängern ein Detail zu erklären, aber auch wenn beim normalen Training die Technik nicht völlig richtig ist, glättet sich die Form durch die praktische Erfahrung.

Die Wiederholung der Technik allein genügt nicht. Wichtig ist, seinen Geist in die Übung einzuschließen.

Sie unterrichten in zahlreichen fremden Ländern. Ändern Sie Ihre Art zu unterrichten?

K.S.: Nein, ich unterrichte einfach, was ich verstanden habe, alles, was ich weiß. Die Person, die früher für mich übersetzt hat, hat mich eines Tages gefragt: „Sensei, kann man das alles wirklich unterrichten?“ Selbstverständlich! Die Leute bemühen sich, fahren Strecken und zahlen, um zu üben, es gibt zu dem, was man zeigt, keine Grenze, alles muss unterrichtet werden! (Lacht)

Sehen Sie Unterschiede in der Art und Weise, wie die Leute das Aikido üben oder wahrnehmen?

K.S.: Ja, es gibt viele davon. Im Ausland sprechen die Leute vielmehr auf den Unterricht an, sie üben ernsthafter. In Japan üben die Leute Aikido wie einen Zeitvertreib oder eine Gesundheitsmaßnahme. Und das stört mich nicht. Für die Europäer hingegen geht die Übung des Aikidos oft über den Zeitvertreib hinweg. Um ein Beispiel zu nennen, sind heute mindestens sieben oder acht Personen aus Europa gekommen, um zu üben. In Japan gibt es Leute, die sich anmelden und abbrechen, obwohl sie fast nie geübt haben. Weil sie es nicht schaffen, ihre eigene Verpflichtung einzuhalten, oder sie nicht wie gewünscht fortschreiten. Dann sagen sie, dass sie dazu nicht fähig sind, und hören auf. Im Ausland üben die Leute mehr aus Leidenschaft, sodass die Anzahl der Weitertrainierenden höher ist. Seit etwa dreißig Jahren fahre ich nach Deutschland, und über hundert Schüler üben von Beginn an bei mir. Das erfüllt mich mit Freude. Indem die Schüler so lange üben, verstehen sie natürlich, was Aikido ist.

Warum sind Ihrer Meinung nach die Budo-Arten in Japan nicht beliebt?

K.S.: Japan ist eine materiell reiche Nation geworden, dies ist aber nicht der eigentliche Reichtum... Die Leute haben ihre Orientierungspunkte verloren und glauben an nichts mehr. Heute sucht sich Japan und fragt sich, welche Werte es annehmen soll. Das ist aber eine Frage, die die ganze Welt erschüttern wird...

Sie werden einen Lehrgang in Frankreich leiten. Geben Sie dort zum ersten Mal Unterricht?

K.S.: Nein, bereits vor langer Zeit war ich von Noro Sensei eingeladen worden. Es ist eine ziemlich witzige Geschichte. Eines Tages kam einer der englischen Schüler von Noro Sensei zum Aikikai. Er war so kräftig, so muskulös, dass er wie ein Pferd aussah! Er war körperlich unheimlich stark und die Yudansha, die sich greifen ließen, konnten ihre Techniken nicht ausführen. Der Meister, der den Unterricht gab, ist dann angekommen und sagte ihm: „Greif mich an!“ Selbstverständlich blockierte ihn normalerweise niemand, und jedermann wurde geworfen. Der Engländer blieb aber stehen.

Ich war im Büro, der Sensei erschien außer Atem vor mir und sagte mir: „Shimizu, komm mal her.“ Ich fragte mich, was da los war und dachte, dass er sich unwohl fühlte. Auf dem Tatami sagte er mir: “Dieser Schüler leistet Widerstand, geht mit ihm üben.“

Bei seinem Angriff habe ich gespürt, wie unglaublich stark er war, und dass ich keine Chance hätte, ihn werfen zu können. Ich war aber ehemaliger Judoka, sodass ich ihn bei der Durchführung der Technik gesichelt habe. Er flog empor, bis er dumpf herunterstürzte. (Lacht)

Als er dann wieder aufstand, um mich anzugreifen, passte er auch auf seine Beine auf, und ich konnte ihn normal werfen.

Als er nach England zurückgekehrt ist, hat er anscheinend Meister Noro von dieser Geschichte erzählt und gesagt, es würde einen beeindruckenden Uchi-Deshi namens Shimizu geben. Als Noro nach Japan wiederkam, besuchte er mich und wir aßen zusammen. Später lud er mich anlässlich einer Reise nach Deutschland in sein Dojo zum Unterrichten ein. Er war eine wirklich lustige Persönlichkeit. In Paris ist er sehr nett zu mir gewesen und er hat mich in wirklich ausgezeichnete Restaurants mitgenommen!

Seitdem bin ich zwar nicht wieder in Frankreich gewesen, aber ich habe jetzt einen sehr fleißigen Schüler, Pascal Olivier, der in der Pariser Umgebung unterrichtet und mich gebeten hat, zu kommen. Er hat hier in Japan lange gelernt und ich glaube, dass Christian Tissier ihn auf mich aufmerksam gemacht hat.

Kennen Sie Christian Tissier?

K.S.: Nicht wirklich. Vor einigen Jahren hat er hier bei einer Unterrichtstunde zugeschaut. Ich habe ihm angeboten, sich bequem zu setzen, er hat aber die ganze Stunde in Seiza gesessen. Danach haben wir uns lange unterhalten. Da er vom Aikikai kam, habe ich mich gewundert, dass er mich kannte.

Die Franzosen mögen wirklich die Kampfkünste. Ich glaube, in Frankreich wird am meisten praktiziert. Auch Tamura Sensei ist in Frankreich, oder?

Ja.

K.S.: Tamura Sensei ist wirklich ein gütiger Mensch. Im Hombu-Dojo war er sehr nett zu mir. Er war zu jedermann nett und blieb gleichzeitig sehr aufrichtig, ohne sich jemals gehen zu lassen. Er hat bei O Sensei die Kihon sehr fleißig geübt. Personen wie Tamura Sensei können das Ken wirklich bedienen. Wir hingegen griffen O Sensei mit dem Schwert an, und er stach uns buchstäblich durch! (Lacht)

Ich hatte eine sehr geteilte Meinung zu den Leuten, die ich damals mochte oder nicht mochte. Unter den Sempai gab es Personen, die im Unterricht nicht aufrichtig geübt haben.

Ich war frisch angekommen und wenn einer von ihnen bei mir war, blockierte er mich so stark wie er konnte, um mir seine Überlegenheit zu zeigen. Sie wussten auch, dass ich vom Judo kam und dies hier keine Wirkung hatte. Dann warf ich sie gewaltsam, indem ich besonders am Anfang Judo verwendete. Sagen wir eher, da sie oft in einer „lasterhaften“ Art Widerstand leisteten, indem Sie eine Technik verhinderten oder nicht richtig angriffen, warf ich sie schließlich anhand einer Judotechnik. Wie oft hat mich O Sensei verbessert und mir gesagt, wir seien nicht in einem Judo-Dojo. (Lacht)

Er sagte: „Du hast schon wieder eine Judo-Technik benutzt.“ Und ich antwortete: „Hm... mein Partner griff wirklich stakt an, und es kam von selbst.“ Damals warf ich alle bis zum 4. Dan-Graduierten nach meiner Art.

Ab welchem Alter werden Kinder zum Tendokan zugelassen?

K.S.: Ab fünf Jahren. Sie lernen Etikette, wie sie sich bewegen und fallen sollen. Dann fangen sie ab dem Gymnasium mit dem Erwachsenentraining an. Aber beim Aikido darf man sich nicht beeilen. Im Gegensatz zum Sport, wo man die Jugend auf die Olympischen Spiele vorbereiten muss, haben wir das Glück, keine Fristen zu haben.

Ist es wichtig, beim Aikido die Waffen zu üben?

K.S.: Ich glaube nicht. Heutzutage unterrichten mehr und mehr Lehrer das Ken, aber früher wurde O Sensei sauer, wenn wir das Schwert übten. Er sagte: „Aikido ist Taijutsu, dann übt fleißig Taijutsu.“ Beim Training ist es gut, die Angriffssituationen zu variieren, und in diesem Sinne ist es nützlich, gegen Ken-, Jo- oder Tanto-Angriffe zu üben. Aber die Übung mit beiden Schwertern halte ich nicht für nötig. Die Leute, die das üben wollen, können Kendo üben.

Heute sprechen die Leute von Aikiken, Aikijo, daher herrscht große Verwirrung über die Bedeutung des Aikido. Die Essenz des Aikido ist das Taijutsu, das muss man bedenken. Aber man benutzt das Schwert, um das Riai, die Prinzipien zu lernen.

Körperlich gesehen ist es oft bequemer, das Ken oder das Schwert zu üben. Man wird am Ende weder geworfen noch immobilisiert. (Lacht)

Benutzte O Sensei Begriffe wie Aikiken oder Aikijo?

K.S.: Von O Sensei selber habe ich sie nicht gehört, aber im Dojo benutzten wir sie häufig unter uns.

Schlug O Sensei die Waffen gegeneinander, wenn er eine Technik vorführte?

K.S.: Nein. Dies geschah dank seiner Bewegung. Wir schafften es aber nicht einmal anzugreifen! Und wenn wir angriffen, wurden wir automatisch geschnitten oder geworfen. (Lacht)

Er sah unsere Absicht voraus. Kann man sie voraussehen, ist der Kampf im Voraus beendet. Er hatte durch viel Training eine Art Hellsichtigkeit erlernt. Er beherrschte das Dokushinjutsu, die Kunst, im Herzen des anderen vorauszusehen.

O Sensei war eine unglaublich weise Persönlichkeit. In die Welt der Bujutsu hat er eine unermessliche Weisheit gebracht. Niemand war mit ihm vergleichbar.

Was für ein Bokuto benutzte O Sensei?

K.S.: Ein klassisches Bokken. In seiner jüngeren Zeit benutzte er auch manchmal einen dickeren, um Mikawara zu schlagen. Zu meiner Zeit war es aber nicht der Fall, und das weiß ich ganz genau, da ich seine Waffen trug und sie ihm gab.

Er hatte auch ein dünnes, das er besonders bei seinen Gebeten benutzte.

Übte oder lehrte O Sensei Katas mit den Waffen?

K.S.: Das glaube ich nicht. Obwohl ich sein Haupt-Uke war, war ich nicht ständig bei ihm, deshalb kann ich nicht behaupten, dass es nie vorgekommen ist. Allerdings habe ich ihn solches nie unterrichten sehen.

O Sensei mochte es nicht besonders, dass man das Ken übt. Er sagt immer: „Übt intensiv Taijutsu!“

Ist das Üben auf den Knien wichtig?

K.S.: in letzter Zeit zeige ich nicht mehr viel Suwari Waza. Wie man diese Technik auch ins Auge fassen mag, sind das keine natürlichen Bewegungen, und das beschädigt die Kniegelenke sehr stark.

Auf den Knien allein gehen ist gut für die Stärkung der Beine und Hüften. Wenn man aber zu zweit übt, fängt man generell an, sich anzustrengen. Diese Art Übung ist eine erhebliche zusätzliche Belastung für die Knie, was oft zu einer Verletzung führt.

In der Vergangenheit war solche Technik unentbehrlich, weil man auf den Knien gelebt hat. Heutzutage ist es nicht mehr der Fall, und das Verletzungsrisiko ist meiner Meinung nach zu hoch, als dass diese Art Übung unentbehrlich ist.

Bei den meisten körperlichen Aktivitäten verletzt man sich die Knie sehr viel. Ist man einmal verletzt, ist es schwierig, sich davon zu erholen, deshalb ist es wichtig zu üben, indem man sie schont.

Meister Ueshiba war für seine außergewöhnliche Kraft berühmt. Sind Sie Zeuge besonderer Ereignisse gewesen?

K.S.: Ja, O Sensei war von Jugend an für seine Kraft berühmt. Ich kann mich einmal erinnern, als er nach mir für eine Massage rief. Er saß, einen Kimono tragend, und sagte mir, „Shimizu, massiere mir mal den Rücken.“ Ich habe gedacht, ich sollte ihn nicht zu stark massieren, also bin ich sanft vorgegangen. Dann hat er mir gesagt: „ Bist du gerade am Massieren? Du hast wirklich keine Kraft.“ (Lacht)

Ich war jung und ich habe mir gesagt, „OK, wenn etwas passiert, bin ich nicht daran schuld.“ Und dann habe ich angefangen, ihn mit all meinen Kräften zu massieren. Er hat sich nicht um ein Millimeter gerührt. Ich war verblüfft. Es war unglaublich.

Bei solchen Momenten, vielmehr als Vorführungen reiner Kraft, sah ich die wahrhafte Stärke von O Sensei. Sein Geist bewohnte seinen Körper und sein Zentrum war fest. Ich fragte mich, wie er so stark geworden war. Es war unvorstellbar, zumal er damals bereits 80 Jahre alt war.

O Sensei war eine besondere Persönlichkeit, und es gibt zahlreiche Geschichten, die es beweisen. Einer der Sempai hat mir zum Beispiel folgende Geschichte erzählt. Eines Tages ruft O Sensei nach ihm und sagt ihm: „Ein Besucher kommt zum Dojo. Hole ihn ab und begleite ihn hierher.“ Der Schüler fragt ihn dann, ob er mit jemandem verabredet sei, aber dieser verneint. Er fragt ihn dann, woher er wissen kann, dass jemand kommt. O Sensei sagt ihm „Eine Person wartet in der Nähe vom Tabakhändler um die Ecke. Sie ist weiß bekleidet und trägt einen Hut. Hole sie ab.“

Der Schüler ist dann ausgegangen und sagte sich, dass O Sensei unsinnige Sachen erzählte. Er trifft aber auf eine Person, die Sie so aussieht, wie O Sensei sie beschrieben hatte! Darauf fragt er sie, ob sie O Sensei besuchen will, und diese antwortet: „Ja, sie haben richtig erraten. Ich kann das Dojo aber nicht finden. Sind Sie einer seiner Schüler?“ „Ja, O Sensei hat mich geschickt, um sie abzuholen“ „Wie bitte? Ich habe aber niemanden benachrichtigt.“ Ebenso der Besucher wie der Schüler waren verblüfft. (Lacht)

Solche Sachen gab es. O Sensei sah plötzlich die Person in seinem Geist. Es ist eine wahrhafte Geschichte, die Mochizuki Sensei mir erzählt hat.

O Sensei war ein bedeutender Mann und zugleich ein Exzentriker. Er war aber kein Gott oder Ähnliches. Es kam vor, dass es wie jeder Mensch stolperte oder fiel, und in diesen Augenblicken sagte ich mir, dass er nicht anders war als mein Vater. Was das Bujutsu betrifft, war er unvergleichlich. Als ich mit Aikido angefangen habe, hatte man mir gesagt, dass er der letzte der Bujutsuka in Japan war. Er war sicherlich der letzte aber insbesondere der größte. Wir haben wirklich ein großes Glück gehabt.

Wo wohnte O Sensei hauptsächlich? In Iwama, Tokio, bei Schülern?

K.S.: Über die sieben Jahre, die ich bei ihm verbracht habe, lebte er hauptsächlich im Hombu Dojo und er verreiste wenig.

Welche Meister haben Sie am meisten geprägt?

K.S.: Außer O Sensei: Osawa Sensei. Wir waren uns sehr nah und hatten fast eine Vater-Sohn-Beziehung. Er hat mir viel, weit über das Aikido, beigebracht.

Damals musste ich viel Einzelunterricht geben. Und ich sah immer aus, als würde ich einen leeren Bauch haben. Dann fragten mich viele Schüler: „Shimizu Sensei, sind Sie heute Abend frei?“ Ich antwortete: „Um frei zu sein, bin ich frei.“ Und sie luden mich zum Essen ein. Ich war so froh, dass ich solches Angebot immer annahm.

Schließlich hörte Osawa Sensei von diesen Einladungen und er kam zu mir: „Ich habe gehört, dass du schon wieder eingeladen worden bist. Anscheinend verstehst du zwar solche Sachen nicht, aber wenn du dreimal eingeladen wirst, musst du mindestens zweimal ablehnen. Einmal geht...“

Er war so nett und erklärte mir solche Sachen. Heute kann ich sie natürlich verstehen, aber in dem Augenblick fragte ich mich, warum ich ablehnen sollte. Hätte er mir solches nicht beigebracht, hätte ich nie gewusst, wie ich mich verhalten soll. (Lacht)

Was mich unter anderem am glücklichsten gemacht hat, war, dass O Sensei und Osawa Sensei jünger geworden waren, seitdem ich angekommen war. Das gehörte wahrscheinlich zu meiner Unbefangenheit.

Zum Beispiel war Osawa Sensei für die zweite Morgenstunde zuständig. Und er rief mich oft von zu Hause im Hombu an. Er sagte mir: „Heute fühle ich mich nicht sehr gut. Gib den Unterricht an meiner Stelle.“ Ich antwortete: „Gut, ich kümmere mich darum. Passen Sie auf sich auf.“ Und dies passierte mehrere Male. Dann sagte er meinem älteren Bruder: „Dein kleiner Bruder ist wirklich frisch.“

Damals war Osawa Sensei achter oder neunter Dan. Wenn er im Dojo anrief und um Vertretung bat, antworteten die Uchi-Deshi alle: „Es ist unmöglich, wir sind nicht in der Lage, Sie zu vertreten.“ Ich hingegen antwortete in aller Freude: „Gut, ich sorge sofort dafür.“ (Lacht) Ich wollte die Sachen gut machen, damit er sich Zeit zum Ausruhen nimmt.

Es gibt auch folgende andere Geschichte. Mit Osawa Sensei und Kisshomaru Sensei gingen wir oft zum Dojo in Odarawa, das eins der wichtigsten war, weil es zu den bedeutendsten Übungsplätzen des Aikikai zählte. Jede Woche ging ich mal mit Osawa Sensei, mal mit Kisshomaru Sensei dahin.

Eines Tages haben wir uns mit Osawa Sensei girrt, sodass wir eine Stunde zu früh angekommen sind. Kurz bevor wir unsere Hakama anzogen, ist es mir aufgefallen und ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht. Dann sagte er mir: „Ach, stimmt. Na dann, wie wäre es, wenn wir ein wenig Judo machen würden?“

Zwischen uns bestand zwar ein großer Altersunterschied, aber er war ein sehr guter Judoka, 3. oder 4. Dan. Ich selber hatte Judo intensiv geübt und ich war 4. Dan. Da er wirklich zum Üben geneigt war, habe ich mich schließlich darauf eingelassen.

Wir setzten uns in Angriffsposition und er sagte mir: „Mach eine Technik“ Ich hatte aber Osawa Sensei vor mir, also traue ich mich nicht. Zudem sage ich mir, wenn ich mit einem Angriff loslege, werde ich sofort gekontert. Er sagt mir: „Sei nicht schüchtern, los, komm.“ Ich frage ihn mehrere Male, ob ich darf und jedes Mal antwortet er: „Aber ja, natürlich.“

Meine Lieblingstechnik war Uchi Mata. Ich versuche, sie auszuführen und peng! Osawa Sensei fliegt hoch. Er steht wieder auf und sagt: „Es ist seltsam.“

Da ich dachte, dass er mich kontern würde, und da er mir sagte, durchzuziehen, hatte ich mich ganz eingesetzt und es geschafft, ihn zu werfen. Wir haben es mindestens fünf- oder sechsmal wieder so wiederholt und jedes Mal funktionierte die Technik. Dann sagte er mir: „Du bist wirklich stark, na?“ Körperlich gesehen lag es ziemlich auf der Hand, da ich sein Sohn hätte sein können.

Am folgenden Tag ruft mich mein Bruder an und sagt mir: „Ich habe gehört, du hast gestern Judo mit Osawa Sensei geübt?“ Ich bejahte, da er darauf bestanden habe, haben wir ein wenig zusammen geübt. „Du hast angeblich die Zeit damit verbracht, ihn gewaltsam geworfen zu haben.“ Ich habe ihm gesagt, ich hätte ihn nicht so viel geworfen, aber er erwiderte: „Auch wenn er dich darum bittet, bleibt er trotzdem dein Meister. Man wirft seinen Meister so nicht!“ (Lacht) Ich war wirklich unbesorgt.

Folgende Frage ist ein wenig frech, und dafür bitte ich Sie um Entschuldigung, aber aus welchen Gründen haben Sie den Aikikai verlassen?

K.S.: Lange habe ich zwar Stillschweigen bewahrt, aber ich denke, dass ich nach all dieser Zeit über diese Angelegenheit frei sprechen kann. Ich habe mich mit Tohei Sensei gezankt. Zwar habe ich mich mit Tohei Sensei gestritten, aber Kisshomaru Sensei hat sich aufgeregt.

Damals musste ich an zahlreichen Orten unterrichten. Nach dem Abschied von Tamura Sensei war ich derjenige, den man in die wichtigsten Orte schickte; außerdem hatte man mir den Unterricht an die meist angesehenen Persönlichkeiten zugeteilt. So ausgedrückt klingt es imponierend, deshalb möchte ich mich für diese angeberischen Erwähnungen entschuldigen, aber diese Aufträge waren vor allem von der Verantwortung her erschöpfend.

Kisshomaru Sensei war also nett und stellte mich dazu, schickte mich hier- und dahin, zum Parlament, zu den größten Unternehmen, und ich wurde in gewisser Hinsicht als die Galionsfigur des Akikais benutzt.

Kurz darauf kam Tohei Sensei von Hawaii zurück. Die Leute sprachen ihn auf mich an, und dann fing er an zu sagen: „Sind Sie dabei, den Shimizu-Ha [Shimizus Stilschule] zu schaffen?“ Darauf hat er allmählich die Orte, wo ich Unterricht erteilte, besucht. Er fragte, wer der Lehrer sei.

Man antwortete, es sei Shimizu Sensei. Dann sagte er: „Diese Art Ikkyo ist nicht korrekt! So ein Shiho Nage geht nicht.“ oder andere unhöfliche Sachen. Dann habe ich mich mit ihm gezankt. Obwohl ausgerechnet Kisshomaru Sensei mich hier- und dahin geschickt hatte, hat er sich keineswegs bemüht, zu erklären, dass ich nur gehorchte und dahin ging, wo man mich schickte. Kisshomaru Sensei hat mich nicht unterstützt und Osawa Sensei war in dieser Situation in einer heiklen Position. Dann habe ich angekündigt, dass ich das Dojo verlassen würde. Es war mitten im Jahre 1970.

Haben Sie Ihre Entscheidung nie bereut?

K.S.: Nein. Es gab einen Rechtsanwalt namens Sugimoto, der den Aikikai über zahlreiche Themen beriet. Einige Jahre nach dieser Geschichte wurde er gebeten, sich mit mir zu treffen, um mich zu meiner Rückkehr zu überreden. Dies hat fast ein Jahr lang gedauert, ich habe aber nie zugesagt.

Weil ich alleine geschritten bin, bin ich heute bei diesem Ergebnis. Das Hombu-Dojo ist ein Hundertmillionen Tonnen schweres Schiff, das trotz Wind oder Regen fährt. Hier sind wir wie ein kleines, eine Tonne schweres Schiff. Wenn es regnet, müssen wir Wasser herausschöpfen, und wenn es stark weht, müssen wir das Boot im Gleichgewicht halten. (Lacht) Sogar nachts kann man kein Auge zumachen. Es ist eine Frage des Überlebens. Das bin ich gewohnt und bei so einer Lebensart haben wir es bis dahin geschafft. Das hat unseren Geist gestärkt.

Heutzutage weist die praktische Erfahrung der Meister ungeheuere Unterschiede. Wie ist Ihre Meinung zur Entwicklung des Aikido?

K.S.: Das ist eine sehr heikle Frage. Es gibt gute und schlechte Sachen dabei. Leider sind die schlechten die zahlreichsten.

Ich glaube nicht, dass der Unterschied bei der Form etwas Schlechtes an sich ist. Ich versuche, das Aikido, das O Sensei uns gelehrt hat, zu vermitteln. Beim Zuschauen meiner Technik können manche Personen den Eindruck haben, was ich mache ist anders als das, was er machte. Mein Geist und mein Körper sind anders als die vom Gründer, und es ist unmöglich, dass ich die Techniken genau auf gleiche Weise durchführe.

Dass die Leute, die bei O Sensei gelernt haben, ihre Praxis ihrer Person anpassen, ist normal und natürlich. Dass man aber etwas Grundverschiedenes macht, scheint mir ungeeignet zu sein.

Ist es wichtig, die Grundsätze der japanischen Kultur zu kennen?

K.S.: Hm, das ist eine weitere Frage, auf die man schwer eindeutig antworten kann...

Das hängt vom Individuum ab, und mit diesem Thema habe ich mich persönlich nicht beschäftigt. Meiner Meinung nach verwirklicht das Aikido diesen Aspekt durch die praktische Erfahrung. Ich denke, wenn man die Essenz einer Sache entdeckt, ermöglicht es uns das Verständnis aller anderen.

Welche Eigenschaft soll der Übende versuchen zu entwickeln?

K.S.: Wichtig ist, den richtigen Instinkt zu entwickeln, dem Körper beizubringen, spontan im Einklang mit der Natur zu handeln. Die Techniken kommen zueinander, aber diese soll man nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Körper verstehen. In den kritischen Momenten, wenn man angegriffen wird, reagiert ausgerechnet der Körper auf natürliche Weise.

Aikido lernt man durch die Wiederholung. Die Stärke des regelmäßigen Übens besteht darin, dass sie Lernen mit dem Körper ermöglicht. Das Kokyu, die Fähigkeit, das Ma Ai zu lesen sind Sachen, die man mit seinem Körper fühlen soll, damit man weiter fortschreiten kann. Die Technik entwickelt sich dann mit der Zeit auf natürliche Weise.

Die Form ist aber auch etwas, das man aufgeben muss, um fortzuschreiten. Zwar muss man sie lernen, aber man darf davon nicht abhängig sein. Man verliert sie nicht, vielmehr wird sie zu einem Teil von Ihnen, sodass Sie sie vergessen, weil Sie dieser nicht mehr bewusst sind. Sind Sie dieser noch bewusst, können Sie nicht mehr fortschreiten.

Es ist wie bei einer Tasse, die voll ist: Man kann nicht einmal das Geringste mehr eingießen. Derart üben, dass die Technik so natürlich wird und uns zum Vergessen führt: Das ermöglicht es uns, unsere Fähigkeit, neue Sachen zu lernen, zu bewahren... Dieses ist den Zen-Begriffen sehr nah.

Sie haben mit dem Professor Kamata Shigeo ein Buch über Zen und Aikido geschrieben...

K.S.: Es ist besonders das Werk Kamata Senseis. Ich hingegen habe mich nur mit dem technischen und anekdotischen Aspekt beschäftigt. (Lacht)

Haben Sie Zen studiert?

K.S.: Es gibt einen Tempel namens Ryutakuji, wo Yamaoka Tesshu Zen in Mishima, in der Nähe von Shizuoka, übte. Ich stand dem heute verstorbenen Leiter dieses Tempels Suzuki Sochu nahe. Bei einem gemeinsamen Essen sagte er mir: “Sake muss in großen Mengen getrunken werden, Nahrungsmittel müssen übermäßig gegessen werden.“ Er war deutlich älter als ich, und ich sagte ihm: “Sensei, verzeihen Sie meine Unhöflichkeit, aber trotz Ihres Alters trinken Sie unglaublich große Sakemengen.“ Er antwortete: „Weil ich immer leer bin.“ (Lacht)

Er war wirklich eine besondere Persönlichkeit. Außerdem war er so nett, mir zwei wunderschöne Tendo-Kalligrafien zu zeichnen. Die eine, die im Dojo hängt und eine prächtige, die er erstellt hat, als er betrunken war. (Lacht)

Statt dem Unterricht dieser Personen zuzuhören, gehe ich gern mit ihnen essen und trinken, denn ihre wahre Natur kommt zum Vorschein. Ich gehe nicht so gern zum Tempel, um mir die Predigten der Bonzen anzuhören, auch wenn sie natürlich interessante Sachen sagen. Ich höre sie lieber von einfachen Sachen natürlich erzählen.

Sogar ein Bonze spricht nicht natürlich, wenn er sich an eine breite Versammlung wendet. Seine Figur in seinem Kostüm wendet sich an ein Publikum. Aber der bloße Mann interessiert mich.

Sie haben diese wunderschöne Kalligrafie am Shomen, ich habe aber keine Kamidana (einen den Kami gewidmeten Altar) gesehen?

K.S.: Am Shomen steht kein Kamidana weil nicht nur Shintoisten, sondern auch Buddhisten, Christen, Leute aus jeglicher Religion zum Training kommen.

Die westlichen und japanischen Kulturen mögen von einander sehr entfernt sein. Zum Beispiel betrachtet das Christentum das Leben als etwas grundsätzlich Wunderbares, während der Buddhismus uns lehrt, dass das Leben auf Leiden basiert und man das Wunderbare nur erreichen kann, indem man es überwindet. Die menschliche Natur bleibt aber dieselbe. Wie verschieden das Land sein mag, wie verschieden die Sitten auch sein mögen, der Mensch hat dieselbe Essenz. Und Ziel des Aikidos ist, sich als Mensch zu verwirklichen.

Hat das Üben also ein geistiges Ziel?

K.S.: Aikido ist ein Budo und dessen Üben bedeutet natürlich, die Entwicklung seiner martialischen Kompetenz zu versuchen. Aber heutzutage neigt das Aikido dazu, sich auf die Übung der Formen einzuschränken. Natürlich ist es etwas Wesentliches, aber auch etwas, das überschätzt wird. Das beunruhigt mich sehr.

In gewissen Dojos ist die Haltung, sobald man das Keikogi trägt, „fabriziert“, unnatürlich, die Leute spielen eine Rolle. Die Kraft, die man wahrnehmen kann, ist nicht die wahrhafte Kraft.

Mit der Zeit soll das Üben es ermöglichen, dass Geist und Körper nur noch eins werden. Je stärker man wird, desto gelenkiger und sanfter mit einem starken Geist wird man. Diejenigen, die nach außen stark aussehen, sind diejenigen, die kein Selbstvertrauen haben. Die Leute, die wahrhaft stark sind, brauchen es nicht nach außen vorzuführen.

Diese Stärke möchte ich erlernen, und ich möchte den Leuten dabei helfen, diese zu erreichen. Keine starke Technik, sondern die Fähigkeit auszuhalten, nicht aufzugeben. Mut und moralische Kraft sind das Wesen der wahrhaften menschlichen Stärke.

 

Tamaki, Léo: Kenji Shimizu - Der letzte Schüler von O Sensei Ueshiba
in: Dragon, Nr. 26 von, März/April 2007, S .20-28.

Übersetzung: Gaëlle Hemkemeier

Mit freundlicher Genehmigung von Léo Tamaki. Herzlichen Dank.