Montag, 14. März 2016
Enrico Rosenkranz

Eine Sache um ihrer selbst willen zu tun

 

Völkern schreibt man gern gewisse Eigenschaften zu. Viele kennen Begriffe, wie z.B. die „Spartanische Lebensweise“ und können sich darunter gut etwas vorstellen. Sie drücken mehr oder weniger gewisse Charaktereigenschaften aus, die den verschiedensten Völkern in gewissen Zeitepochen zugrunde liegen. Eine schöne Beschreibung, was denn nun typisch Deutsch sei, stammt von dem großen Komponisten Richard Wagner: „Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.“

Es geht eben nicht darum ständig nach dem Sinn und Zweck zu fragen, warum man dieses oder jenes tut. Man tut es einfach, auch wenn man damit kein Geld verdienen kann, auch wenn es die Beziehungen zu anderen Menschen belastet, auch wenn es den ein oder anderen Vertreter in den finanziellen, körperlichen oder gar geistigen Ruin treibt, selbst wenn das zu tuende anscheinend keinen Sinn ergibt. Friedrich Nietzsche, der von der Familie Richard Wagner finanziell unterstützt wurde, war so einer, der sich ganz der Philosophie hingegeben hat und die letzten Jahre geistig umnachtet, von seiner Schwester gepflegt werden mußte.

Das Vereinswesen, behaupte ich, ist in Deutschland aus: „Eine Sache um ihrer selbst willen zu tun“, entstanden. Viele Mitglieder erfüllen ehrenamtliche Pflichten, wozu man sie nie gezwungen hat. So auch bei uns im Seishinkan. Der Vorsitzende E. Hemkemeier verschrieb sich dem Aikido, gründete dazu das Seishinkan mit großem finanziellen und zeitlichen Aufwand und betreibt es bis heute leidenschaftlich. Der 2. Vorsitzende M. Schwing hat eine handwerkliche Ader und hat die bauliche Substanz bedeutend aufgewertet. Der Küchenbau z.B. erfolgte auch um der Sache selbst willens. Nur so entsteht wirklich Großes und Schönes, und so wachsen auch die beteiligten Personen an diesen Aufgaben.

Wenn man etwas anfängt zu tun, sollte man nie fragen, ob es sich finanziell rentiert. Alles nach seinem finanziellen Nutzen zu beurteilen, greift aber zur Zeit wie eine Seuche um sich. Eine Zeitung, die z.B. über den finanziellen Nutzen von Kindern schwadroniert, ist es nicht wert, gelesen zu werden. Weg damit und nie wieder gekauft!

Der Mitgliedsbeitrag, der bei uns zu zahlen ist, dient hauptsächlich dazu, in einer für das Aikido förderlichen Atmosphäre, zu trainieren. Denn da wo viel trainiert, geputzt, gewerkelt und auch gefeiert wird, pulsiert das Leben und man kommt persönlich voran. Nicht nur das Training gehört zum Aikido, sondern auch das Putzen, das anschließende gesellige Beisammensein und wenn nötig, mal ein ernstes Wort. Aber wie heißt es so schön: „Verbessere mit Liebe.“

Im Aikido ist es unwichtig, welche Position der Übungspartner im Beruf bekleidet, wie die familiäre Situation zu Hause ist oder wie lange man schon dabei ist. Daran sollte man keinen Gedanken verschwenden. Im Training gilt: Härte gegen sich selbst und Milde gegenüber dem Partner und nicht umgekehrt. So kommen wir alle, auch um unserer selbst willen, weiter.

Menschen wie Wagner, Nietzsche, Goethe, Gauß, Schiller, …. , und O-Sensei Ueshiba gibt es heute nicht mehr. Sie konnten nur in ihrer Zeit wirken. Vergessen wir aber sie und ihre kulturelle Leistung für uns nicht. Die Musik von Wagner lebt in den Orchestern, Philharmonien und beim einsamen Spielen zu Hause, weiter. Nietzsches, Goethes und Schillers Denken sind in Bücher gedruckt, und die Werke von Gauß werden im Fach Mathematik gelehrt. Das Werk von O-Sensei lebt in uns weiter, wenn wir auf der Matte stehen, um gemeinsam zu üben. Dieses dürfen wir, auch um unser selbst willen, nicht vergessen.